Peter Assion
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1. Abgrenzungen
Von den ca. 3,5 Millionen Einwohnern europäischer Abstammung
(und den 22,1 Millionen der Gesamtbevölkerung) sind im heutigen Süd
afrika ca. 27 000 durch den täglichen Gebrauch der deutschen Sprache
als „Germans“ ausgewiesen. 3 Deutsche Einwanderer waren schon im 17.
Jahrhundert mit ins Land gekommen, dann aber im Kapholländertum
aufgegangen, 4 während die Deutschen von heute allenfalls in vierter
Generation hier leben. Die meisten sind als Geschäfts- und Fachleute für
technisches Know-how in den Großstädten anzutreffen (Kapstadt, Dur
ban, Johannesburg, Pretoria, Bloemfontein), wo sie eigene Kirchen,
Schulen und Vereine unterhalten, im übrigen aber weit stärker an ihre
burisch-englische 'Umgebung assimiliert sind als das kontaktärmere, zwar
zahlenmäßig kleinere, im allgemeinen und im wissenschaftlichen Bewußt
sein aber ungleich stärker präsente ländliche Deutschtum. 5 6 Es ist angesie
delt in den Weiten der Provinz Natal, im südlich angrenzenden Kapland
und nördlich auch jenseits der Grenze zur Provinz Transvaal. Seinen
Kern bilden die zur Hermannsburger Synode zusammengeschlossenen
deutsch-lutherischen Gemeinden, denen sich zur Zeit ca. 5000 Kirchen
mitglieder zurechnen. Nicht ganz die gleiche Zahl dürften die konkurrie
rende Evangelisch-lutherische Freikirche und die benachbarten Kapland-
und Transvaal-Synoden zusammen erreichen.
Wählt man sich sprachliche Enklaven dieser Art zum Forschungsgegen
stand, so scheint deren Ethnozentrismus zwangsläufig einseitige Sehweisen
Platzgründe, im Rahmen des vorliegenden Aufsatzes auch die nötigen methoden
kritischen Reflexionen auszubreiten. Dank für Anregungen und Hinweise zur Vor
bereitung des Unternehmens sei in Freiburg den Professoren Johannes Künzig und
Rolf Wilh. Brednich erstattet. Auch in Südafrika selbst erhielt Verf. mannigfache
individuelle Unterstützung, für die er hier zu danken hat.
3 Standard Encyclopaedia of Southern Africa, Bd. 5, Kapstadt 1972, S. 178 (Stich
wort „German“). Hinzu kommen 17 000 (nach anderen Quellen: bis zu 30 000)
deutschstämmige Einwohner in der ehemaligen Kolonie, dem heutigen Mandat Süd
westafrika, die aber nachfolgend außerhalb der Betrachtung bleiben.
4 Werner Schmidt-Pretoria, Der Kulturanteil des Deutschtums am Aufbau des Buren
volkes (= Sonderveröffentlichung II der Geographischen Gesellschaft zu Hannover),
Hannover 1938; Oskar Plintrager, Geschichte von Südafrika, München 1952, S. 38 ff.
5 Grundlegend dazu: Werner Schmidt-Pretoria, Deutsche Wanderung nach Südafrika
im 19. Jahrhundert, Berlin 1955 (mit Einschluß von Nachrichten zur städtischen
Niederlassung von Deutschen). Als neueste Spezialuntersuchung liegt vor: Hilde
gard Irma Stielau, Nataler Deutsch. Der Einfluß des Englischen und Afrikaansen
auf die deutsche Sprache in Natal, Diss. Köln 1965 (hektographiert).
6 Vgl. Ina-Maria Greverus in ihrem Diskussionsbeitrag zu Don Yoder, Akkulturations-
probleme deutscher Auswanderer in Nordamerika, in: Kultureller Wandel im 19.
Jahrhundert. Verhandlungen des 18. Deutschen Volkskunde-Kongresses in Trier
(= Studien zum Wandel von Gesellschaft und Bildung im Neunzehnten Jahrhun
dert 5), Göttingen 1973, S. 184-203, hier S. 240.