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Der Plan eines westfälischen Freilichtmuseums
Von Bruno Schier, Münster/Westf.
An der Wiege aller Bemühungen zur Begründung von Museen und
Freilichtmuseen steht sozusagen ein eschatologisches Erlebnis, näm
lich das schmerzliche Bewußtsein von dem unabwendbaren Dahin
schwinden aller Äußerungen unserer alten Yolkskultur, das minde
stens seit den Tagen Einhards, des Biographen Karls des Großen,
alle verantwortungsbewußten Menschen des Abendlandes unablässig
quält. Volkstümlich ausgedrückt, ist es die Sorge um den Untergang
der „Guten alten Zeit“, die fast jede Generation in die Epoche ihrer
Großväter verlegt. Diese latente Untergangsstimmung erhielt ihre
besondere Weihe, seit die deutsche Romantik die Welt des Mittel
alters wiederentdeckt und als einen körperlich-seelischen Kosmos
von einzigartiger Geschlossenheit erkannt hatte.
Nachdem der von Herder angeregte Weckruf Johann Georg Sulzers
(1720-1779) zur Anlage musealer Sammlungen vom Jahre 1771 un-
gehört verhallt war, kommt Johann Wolf gang von Goethe sowie
dem Freiherrn vom Stein das Verdienst zu, dem Museumsgedanken
in Deutschland erfolgreich die Bahn gebrochen zu haben. Goethes
Rheinreise mit dem Freiherrn vom Stein im Jahre 1815 war der
äußere Anlaß seines Aufsatzes über „Kunst und Altertum am Rhein,
Main und Neckar“, in dem der Sinn künftiger „Heimatmuseen“
darin gesehen wird, den Besuchern vom Boden des heimatlichen
Natur- und Kulturerlebens aus eine weltweite Kenntnis der Mensch
heitsentwicklung zu vermitteln.
Dieser Gedanke wurde mit besonderem Erfolg von dem Preußischen
Staatskanzler Karl August Fürst von Hardenberg (1750-1822) auf
gegriffen, der im Jahre 1820 das „Rheinische Museum vaterländischer
Altertümer“ in Bonn begründete und damit seit 1822 den Anstoß
zur allmählichen Entfaltung des „Westfälischen Landesmuseums“
in Münster gab. So dürfen das Rheinland und Westfalen für sich
das Verdienst in Anspruch nehmen, auf deutschem Boden die Ge
burtsstätte des modernen Museumsgedankens zu sein.
Waren die ältesten Museen, die sich nach dem Plane Goethes, Steins
und Hardenbergs entwickelten, noch vorwiegend auf die Sammlung
höfischer und oberschichtlicher Kulturdenkmale eingestellt, so
stammt doch auch der zweite Gedankenstrom, welcher die Pflege
des bäuerlichen und unterschichtlichen Kulturgutes begünstigte, aus