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PETRA CLEMENS
hiérarchie (l’ancienne hiérarchie territoriale) mit ihrem Prinzip der Haupt-, Provinz-
und Gemeindestädte sollen gleichgroße und gleichberechtigte Gemeinwesen errichtet
werden, in denen etwa ioooo Menschen leben. Das scheint Dézamy das richtige Maß,
um einerseits Raum und Bedingungen für wissenschaftliches und künstlerisches Leben
zu gewähren und andererseits dem dörflichen Milieu nicht zu nahe zu kommen. Die
Gemeinden verwalten ihre landwirtschaftliche und industrielle Produktion selbst und
erstatten jährlich Bericht vor der Zentral Verwaltung, die für den notwendigen Aus
gleich der Gemeinden zuständig ist. 39 40 41
Die Ablehnung von Kunst und Luxus verdeutlicht den nachhaltigen Einfluß von
Rousseau - vermittelt über Maréchals literarische Hinterlassenschaft und Buonarrotis
Wirken - auf die Sozialauffassungen des 19. Jahrhunderts. Analogien in der Argu
mentation bezüglich dieses Sachverhalts wie in bezug auf die Problematik des gesell
schaftlichen Fortschritts generell, seine Bestimmung und Bewertung, sind unverkennbar.
So lehnen die Kommunisten den Luxus nicht nur ab, weil er für sie Ausdruck der
Lebensweise bürgerlicher Neureicher und feudaler Aristokraten, d. h. maßloser, perver
tierter Ansprüche, der Prunksucht und der Verweichlichung ist, sondern vor allem auch
aus der Erfahrung heraus, daß Luxus zu jener Zeit eine Quelle des Elends und des
Unrechts für die unteren arbeitenden Schichten bedeutete, ja, daß überhaupt jeder
kulturelle Fortschritt, darin eingeschlossen Kunst und Wissenschaft, bis dahin mit der
kulturellen Niederhaltung der großen Mehrheit einher gegangen war.
Diese Ansicht, die freilich im Vergleich zu Rousseaus Fortschrittsauffassung vulgär
erscheint, wird deutlich aus einem Sitzungsprotokoll der Humanitaires vom 22. Juli 1841,
in dem es heißt: „Wir haben einstimmig die Existenz des Fortschritts geleugnet, indem
wir anerkannten, daß das, was man den Fortschritt nennt, das Unendliche sei, nur
ewige Vermehrung des Guten und Bösen, die sich gegenseitig, das eine durch das
andere bekämpfen und keine vollkommene Entwicklung des Guten zulassen, es gleich
sam leugnen und jede Vervollkommnung zurückstoßen .“' i0
Der Passus über die Kunst zielt insbesondere auf die Negation der sogenannten
schönen Künste als zu bezahlender Arbeit. Ähnlich wie S. Maréchal unterscheiden
die Humanitaires zwischen den schönen Künsten, also der Kunstproduktion im heu
tigen Sinne, und den nützlichen Künsten als denjenigen Gewerben, die Güter des
praktischen Bedarfs hersteilen. Während letztere als Berufe, also als zu entlohnende
Leistungen gesellschaftlich anerkannt werden sollen, dürfen die schönen Künste nur
noch als unbezahlte Freizeitarbeit ausgeübt werden. Denn der Humanitaire „zählte die
schönen Künste zu den Bedürfnissen des Genusses und plazierte sie in der Konsequenz
nach den elementaren Bedürfnissen der menschlichen Existenz und denen der Moral.
Dézamy teilt diese Konsequenz nicht. Weder sucht er Wichtigkeit oder Unwichtig
keit der schönen Künste durch den Vergleich zwischen Kunst- und Industrieproduktion
zu entscheiden noch weist er ihnen lediglich den Charakter einer Freizeitbeschäftigung
zu. Das hindert ihn jedoch nicht, für die Humanitaires Partei zu ergreifen, als diesen
39 Ebenda, S. 31 ff.
40 Zitiert bei Lorenz von Stein, a. a. O., Bd. 2, S. 519.
41 „II (l’Humanitaire, d. V.) classait les beaux-arts dans la catégorie des besoins d’agrément et les
plaçait en conséquence après les besoins de nécessité et les besoins moraux.“ Théodore Dézamy, Code
de la communauté, a. a. O., S. 219.