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Emil Metzger: Forbes' Reise im malayischen Archipel.
merksamkeit gefesselt und als Resultat sind auch auf diesen
Gebieten manche interessante und wichtige Mittheilungen
verzeichnet. Ich werde gleich Näheres darüber mittheilen,
möchte mir sedoch vorher erlauben, zwei Punkte hervorzu
heben, die im Interesse der richtigen Beurtheilung des vor
liegenden Werkes nicht aus den Augen verloren werden
dürfen. Herr Forbes hat im großen Ganzen nur über
seine persönlichen Erfahrungen berichtet und demzufolge
hat er nicht überall Neues bringen können, sondern mußte
Manches wiederholen, was schon lange vor ihm und manch
mal wohl auch besser gesagt ist, und ferner hat er, dem
Plane seines Werkes gemäß, auch natürlich nicht das ganze
Material (welches in Bezug auf einzelne von ihm behandelte
Fragen ziemlich reichlich vorhanden war) kritisch verarbeitet.
Ferner aber hat er seine eigenen Beobachtungen auch
nicht zu einem Ganzen zusammenzustellen gesucht, hat kein
Ucbersichtsbild des malayischen Archipels, so wie er ihn
kennen gelernt, gegeben, sondern seine Mittheilungen immer
nur auf jede der einzelnen Gruppen beschränkt, ohne die
selben mit einander in Verbindung zu bringen und ihnen
die in einem Gcsammtbildc Indonesiens zukommende Stelle
anzuweisen. Was das erstere angeht — daß er die vor
handenen Quellen nicht mehr benutzt hat —, kann ihm
wohl kein Vorwurf gemacht werden; daß er es unterlassen,
ein Uebersichtsbild beizufügen, kann man bedauern, den
Verfasser aber darf dafür kein Tadel treffen; allerdings
bedeutet die Unterlassung einer solchen Arbeit einen Verlust
für die Wissenschaft. Es kommt so selten vor, daß Per
sonen, welche für eine solche Aufgabe genügend vorbereitet
sind, Gelegenheit haben, verschiedene Theile eines so weit
ausgedehnten Landes zu sehen, und sich lange genug dort
auszuhalten, um mit ihren Forschungen weiter als bis zur
Oberfläche zu dringen; solche Personen aber sind es gerade,
die so viel dazu beitragen könnten, richtige Ansichten auch
über umfassendere Fragen unter Benutzung ihres weiten
Gesichtskreises anzubahnen, was sowohl für den, der das
ganze Gebiet nur in seinem Studirzimmcr, als auch für
den, der außerdem nur einzelne Theile desselben, sei cs auch
gründlich, ans eigener Anschauung kennen gelernt, eigen
thümliche und ganz verschiedene Schwierigkeiten bietet.
Forbes aber, der gut sieht und scharf urtheilt, wie ich weiter
unten nachzuweisen suchen werde, der außerdem, was er
gesehen, plastisch hinzustellen versteht, wäre gerade der
Mann gewesen, ein, wenn auch noch so flüchtiges, aber
doch wcrthvolles Gcsammtbild zu zeichnen.
Schon vor dem Erscheinen des Buches sind Umstände
eingetreten, die Veranlassung gegeben haben, daß man dem
selben nicht nur mit wissenschaftlichem Interesse, sondern
anch mit einer gewissen Neugier anderer Natur entgegen
sah; so unangenehm es mir ist, in einer wissenschaftlichen
Wochenschrift diesen Punkt zu berühren, kann ich dies ans
Gründen, die sich gleich zeigen werden, doch nicht unter
lassen. Zwischen den Herren Forbes und Riedel (dem
früheren Residenten von Amboina) nämlich haben sich
Streitigkeiten erhoben; ohne aus frühere anonyme Zei
tungsartikel irgend welches Gewicht zu legen, will ich nur
darauf aufmerksam machen, daß Herr Riedel den Verfasser
des vorliegenden Werkes in einem heftigen Artikel (Tijd-
sclirift Aardrijkskundig Genootschap, Verslagen en
Aardrijkskundige mededeelingen 1884, p. 721 — 724)
wegen verschiedener, in englischen Zeitschriften veröffent
lichten Aufsätze angegriffen hat. Außer den Vorwürfen
auf rein wissenschaftlichem Gebiet werden auch andere ge
macht, welche die Loyalität und den Charakter des Herrn
Forbes stark in Frage stellen und auf seine Thätigkeit als
Naturforscher, seine Energie und seinen Takt als wissen
schaftlicher Reisender, ein sehr ungünstiges Licht fallen
lassen. Dagegen erzählt Herr Forbes wieder in seinem
Buche, daß die nicht nur abweisende, sondern geradezu
feindliche Haltung des Herrn Riedel als Resident von
Amboina, die, wie er mittheilt, durch die Regierung zu
Batavia sehr mißbilligt worden ist, es ihm völlig unmög
lich gemacht hat, seine Arbeiten ans der genannten Insel
fortzusetzen und mit voller Energie thätig zu sein. Was
nun die persönlichen Streitigkeiten der beiden Herren be
trifft, so will ich auf die Sache nicht weiter eingehen, wie
wohl mir dieselbe — ich habe lange genug in Indien
gelebt, um solche Verhältnisse beurtheilen zu können —
ziemlich klar ist. Aus die wissenschaftlichen Vorwürfe des
Herrn Riedel glaube ich um so mehr aufmerksam machen
zu müssen, als man zum großen Theil genöthigt sein wird,
die Ansichten beider Herren neben einander zu stellen, da sie
sich vielfach ans einem Gebiete bewegen, wo sie die einzigen
Quellen über die streitigen Punkte erschlossen haben. Viel
leicht jedoch erlauben einige Bemerkungen, hauptsächlich auf
zoologischem Gebiete, auch anderen Gelehrten ein Urtheil,
und denen sei das Studium des Artikels des Herrn Riedel
und des Buches des Herrn Forbes im Interesse der Wahr
heit und der Wissenschaft empfohlen.
Es sei mir erlaubt, nach dieser langen Abschweifung
zunächst dem persönlichen Eindruck Worte zu geben, den die
Lektüre von „A Naturalist’s Wanderings“ auf mich ge
macht hat, und der natürlich besonders ans der Schilderung
solcher Scenen beruht, wo die von Herrn Forbes betretenen
Pfade sich mit Wegen gekreuzt haben, die anch ich zurück
gelegt habe und auf denen ich durchaus kein Fremder bin.
Und die erste Aufzeichnung, die ich über das Buch machte,
lautete folgendermaßen: Forbes faßt scharf und prächtig
ans und schildert gut, aber da, wo er vom Hörensagen
spricht (was er nur selten thut), muß man ihn mit großer
Vorsicht anhören, denn er mengt die Sachen ans sonderbare
Weise durch einander. Weiter will ich anch jetzt, nach lün-
gerem Studium des Buches, nicht gehen, da Herr Forbes
sich augenblicklich zu Batavia oder vielleicht in Nen-Guinea
befindet; nach seiner Rückkehr hoffe ich jedoch einzelne
Punkte näher zu erörtern.
Zur Begründung meiner eben ausgesprochenen Ansicht
lasse ich sowohl, was das Pro als das Contra betrifft, einen
Auszug aus dem Buche folgen und zwar zunächst (S. 54)
hinsichtlich des Pro. Herr Forbes sagt da: „Sobald ich im
Stande war, ihren Gesprächen (denen der Eingeborenen)
leicht zu folgen, verschaffte mir die tägliche Unterhaltung
mit diesen Leuten einen großen Genuß. Ich entdeckte bald,
daß sie in Bezug ans alles, was sie umgab, äußerst scharf
sinnige Beobachter waren. Nicht einer oder zwei, sondern
jeder Einzelne unter ihnen ohne Unterschied schien mit
naturwissenschaftlichen Kenntnissen ausgerüstet zu sein. Da
war kein einziger Baum, keine einzige Pflanze oder anch
nur ein einziger Strauch, für den sie nicht einen Namen
hatten und dessen ganze Natur sie nicht beschreiben konnten;
kein Ton ließ sich im Walde hören, ohne daß sie wußten,
von welchem Geschöpf er ausging. Jedes Thier hat eine
Bezeichnung rc."
Wenn der freundliche Leser sich die Mühe geben will,
hiermit eine Bemerkung zu vergleichen, die ich ganz bei
läufig in einem in diesen Blättern (XLIV, S. 174) abge
druckten Aussätze gemacht habe, so wird er es begreiflich
finden, daß ich in Herrn Forbes einen Mann sehe, der zu
beobachten versteht und auch wirklich von seinen Fähig
keiten Gebrauch macht, da er im Stande war, sich das
eben mitgetheilte Urtheil in verhültnißmäßig kurzer -stcit
selbstständig zu bilden.