X. Ideale und reale Kultur
Die Frare nach der Prägekraft der Kultur und ihrer ,, Werte fiir
die Individuen, ihre Einstellung und ihr Verhalten hat zu einer
weiteren Differenzierung in der Definition von Kultur geführt, bei
der zwischen den in einer Kultur apostrophierten Werten (wie
Pflichtbewußtsein, Bildung, Besitz, Kinderreichtum, Solidarität
usw.) und ihrer Realisierung im Denken und Verhalten der Kul-
turmitglieder unterschieden wird, wobei ersteres am häufigsten als
»ideale‘“ und letzteres als ,,reale* Kultur bezeichnet wird (Linton
1974, 41ff.; Taylor 1969, 22).
Gunnar Myrdal spricht in seiner Kritik der amerikanischen Ge-
sellschaft in Hinblick auf deren Werte Gleichheit und Gemein-
schaft, mit der dahinterstehenden Anpassungsforderung an den
„American Way of Life‘, von einem „sozialen Ethos, einem politi-
schen Glauben®, der zwar im aktuellen sozialen Leben wenig Ef-
fekt habe, aber: „als Prinzipien, die herrschen müssen, ist dieser
Glaube jedermann in der amerikanischen Gesellschaft bewußt ge-
macht worden" (Mydral 1944, 3). In Myrdals „American Di-
lemma" geht es vor allem um die Beziehungen zwischen Weiflen
und Schwarzen in Amerika. Aus dem Verhalten der Weißen analy-
siert Myrdal ein Bewertungsdilemma, das sich aus dem amerikani-
schen Gleichheits- und Gemeinschaftsethos einerseits und aus den
ethnischen Vorurteilen andererseits, die beide zur ,,idealen‘ Kultur
gehóren, ergibt und dadurch zu Einstellungskonflikten im Indivi-
duum und dissonantem Verhalten führen. Bei den unterprivile-
gierten amerikanischen Minderheiten führte das ,Kulturideal"
Gleichheit durch Anpassung an den American Way of Life, wenn
es spátestens durch die Erziehung der zweiten Generation aufler-
halb der Familie internalisiert und einstellungsdominant wurde,
háufig zu Verhaltensreaktionen, die als ,,Rebel Reaction! (gegen
die ethnische Ingroup-Bildung der Elterngeneration) oder als for-
cierte Anpassung an die amerikanische Lebensweise bezeichnet
werden. Die Unterschiede, die sich für die einzelnen ethnischen
Gruppen aufgrund ihrer sozio-kulturellen Voraussetzungen einer-
seits und der Vorurteile der dominierenden Gesellschaftsschicht
JF