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stämmen, ist sich bewusst gewesen, dass diese gleich anderen na-
turvölkern ursprünglich die naturgegenstände an sich in ihrer sicht-
baren gestalt verehrt haben.! Viele bis auf den heutigen tag fortle-
benden religiösen vorstellungen und opferbräuche der östlichen finni-
schen stämme stützen diese vermutung Castrens. Nach Paasonen, der
sich besonders mit der mordwinischen mythologie beschäftigt hat,
ist die anthropomorphisierung der. naturgottheiten bei dem frag-
üchen volke meistenteils unvollendet und auf halbem wege stehen
geblieben; daneben und mit ihm vermischt hat sich noch die ur-
sprüngliche anschauung erhalten, wie dies die in den alten schöpfun-
yen des volksgeistes, den opfergebeten und liedern vorkommenden
ausdrücke zeigen. Beispielsweise führt er wendungen an wie: „die
erdmutter wird umgegraben“ und „es wird in sie gesät“; die acker-
mutter — an deren. statt auch „das kornfeld“ angefleht wird —
kann durch den huf eines pferdes „zerstreut“ und „in ein fremdes
ield geführt“ werden, die getreidemutter singt zwar in der klei-
lung der mordwinischer frau, sagt aber selbst in ihrem liede, dass
sie „in der morgendämmerung gesät, in der abenddämmerung ge-
schnitten, in den speicher als dünnbier zu ostern, als pirogen zu
weihnachten geworfen“ sei; die wassermutter „fliesst“, und die feuer-
mutter „flackert“.?
Uastren vermutet jedoch, die finnische götterlehre, welche nach
seiner meinung „offenbar Naturverehrung ist“, stehe „so zu sagen auf
einem Übergangspunkt von der sinnlichen Naturverehrung, d. h.
der Verehrung von Gegenständen in ihrer äusseren Erscheinung,
zu der Art von Naturreligion, welche den Naturgegenständen ein-
wohnende Genien oder Gottheiten zuerteilt“.? Seine ansicht be-
leuchtet auch, was er an einer anderen stelle von den finnen und
ihren stammverwandten sagt: „Sie haben so zu sagen die verborge-
nen Kräfte von der Materie, der sie eigentlich angehören, geschie-
den ımd ihnen an und für sich ein objektives Dasein gegeben, In-
dem sie ihnen Leben und Seele, Fleisch und Blut, Körper und Ge-
stalt zuertheilen.“ *
! Nord. Reisen, 117, 159.
? Aika (1907), 190.
3 Nord. Reisen, V. 227,
+ Idem, II, 160.