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Buchbesprechungen
Es ist nun möglich, daß diese Vielfalt dazu beigetragen hat, das Lesen der
Arbeit sowie den exakten Nachvollzug der Argumentationen mitunter etwas
mühevoll zu machen. Das hat weniger mit Ausdrucksweise bzw. Wortwahl
zu tun, d. h. es herrscht kein Fach jargon. Dennoch ist die Absicht des Autors,
die in dem Satz „die Darstellungsweise soll Verständlichkeit ermöglichen“
(S. 14) zutagetritt, nicht voll „durchgeschlagen“. Zum einen hätte angesichts
der erwähnten Fülle des Behandelten die Gliederung noch differenzierter
sein müssen (obwohl sie auch jetzt schon nicht etwa grobschlächtig ist), doch
wäre das zweifellos nur durch ein Überdenken der gesamten Darstellungs
konzeption zu erreichen. Außerdem sind Abschnitte, die über mehr als 1 V2
Seiten gehen, mit Sätzen, die z. T. sieben oder noch mehr Zeilen lang sind,
ziemlich strapaziös. Zum anderen ist der Text mit Nennungen von bzw. Hin
weisen auf Ergebnisse der verschiedensten Wissenschaften, deren Kenntnis
anscheinend voraugesetzt wird, an einigen Stellen so angefüllt, daß sich dar
aus für viele Leser Orientierungsfragen ergeben dürften. Wer mit den Pro
blemen einer allgemeinen Anthropologie vertraut ist, wird diese Mühe zwar
kaum haben, aber wer ist das bei der heutigen fachwissenschaftlichen Zer
splitterung schon? Den Äußerungen von Claessens ist jedenfalls zu entneh
men, daß er an einen breiteren, wenn auch wohl im wesentlichen aus Wissen
schaftlern bestehenden, Leserkreis gedacht hat.
Die inhaltliche Durchführung erscheint konsequent, selbstverständlich mit
den stets vorhandenen Möglichkeiten, hier oder dort Veränderungen für
besser zu halten, doch geht das kaum über „Geschmackssachen“ hinaus. Auch
mit den erarbeiteten Thesen bzw. Hypothesen an und für sich soll hier nicht
gerechtet werden. Der Rezensent hätte zwar eine ganze Menge, auch Ab
weichendes, dazu zu sagen, doch würde das bei der angedeuteten Komplexi
tät der Arbeit den Rahmen einer Rezension weit überschreiten, wenn es nicht
ganz fragmentarisch und zusammenhanglos bleiben soll. Manches in dieser
Richtung ergibt sich allerdings mit einer gewissen Automatik aus den folgen
den Bemerkungen zu vorausgesetzten Hypothesen/Thesen und zur Material
basis dieser „deduktiven Anthropologie“.
Oben wurde das Buch als in entscheidenden Hinsichten spekulativ bezeich
net, natürlich nicht als Kritik, denn das ist bei dem Thema unvermeidlich.
Immerhin lassen sich in diesem Zusammenhang bestimmte Einwendungen
Vorbringen, die sich also nicht gegen die Spekulation an sich, sozusagen als
„Qualität“, richten, sondern gleichsam von „quantitativer“ Art sind.
So gibt es nicht selten lange „Spekulations-Ketten“, aus denen plötzlich
Folgerungen gezogen werden, die dann die Basis für (scheinbar) positive
Feststellungen abgeben. Das ist am besten durch ein etwas längeres Zitat zu
illustrieren. Im Zusammenhang mit der These, daß die Erlebnisse früher
Menschen mit Bestandteilen ihrer natürlichen und sozialen Umwelt emotio
nale Reaktionen und damit verbunden lautliche Reaktionen hervorriefen,
wird gesagt (Hvhbg. v. Rez.):
„Daß eine solche Innen-/Außen-Situation auch lautlich bewältigt wird,
muß angenommen werden. So wird es sicher schon sehr früh eine lautliche
Untermalung von Trauer gegeben haben. ... Laute wurden sicher auch ver
wendet, um Fundstellen mitzuteilen, Überraschung, Verwunderung auszu
drücken. Eine lautliche ,Untermalung* ... gemeinsamer Anstrengung liegt
ebenso nahe ... die reguläre Arbeit in unserem Sinn — wird sich ... in dem
Maße in das Leben der Menschen hineingeschoben haben, in dem reguläre
Aufgaben entwickelt wurden. ... Da das lautliche Untermalen von Tätigkei