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Hermann Gleisberg
Rüben, Walter: Die Mühle — älteste Maschine der Menschheit. Berlin, Kinderbuch
verlag, o. J., 32 S., 12 Abb.
In dieser kleinen Schrift gibt der bekannte Indologe in knappster Form eine ganz aus
gezeichnete Darstellung der Entwicklungsgeschichte des Getreidemahlens. Wenn auch das
Büchlein nach Aussage des Verf.s für Kinder geschrieben ist, so verdient es doch das
Interesse eines weit größeren Kreises, weil es die schon wiederholt dargestellte Entwick
lungsgeschichte der Mühle von der urzeitlichen, über die ganze Erde verbreiteten Reib
platte zum modernen Industriemühlenbetrieb um teilweise völlig neue Gesichtspunkte be
reichert. Auf Grund der vorliegenden Ausgrabungsergebnisse und literarischen Belegstellen
herrscht entwicklungsgeschichtlich zwar schon lange Klarheit darüber, daß in vor- und
frühgeschichtlicher Zeit und auch in der Antike bis zum Ausgang der römischen Republik
zur Getreideverarbeitung ausschließlich von Hand bediente Werkzeuge, sei es in Gestalt
von Mörser oder Reibplatte, sei es in Gestalt der erstmalig wohl von Etruskern und
Illyrern verwendeten schwenk- und drehbaren eigentlichen Handmühle, benutzt wurden»
Die Dinge erwachen aber erst dadurch zu rechtem Leben, daß R. durch völkerkundliche
Vergleiche nicht nur die verschiedenen ursprünglichen Produktionsweisen im einzelnen,
sondern auch die enge Verbindung zwischen den jeweiligen Produktionsweisen und den
gesellschaftlichen Verhältnissen aufzeigt. Auf Grund seiner in der Türkei, in Indien und
in Südamerika gemachten Beobachtungen und gewonnenen Erkenntnisse stellt R. der
getriebelosen vertikalachsigen Mühle, wie er sie insbesondere noch in Anatolien in derselben
Gegend vorfand, wo auch nach der antiken Literatur die erste Wassermühle stand, die
Wassermühle römischen Typs mit vertikal gestelltem Schaufelrad und Zahnradübersetzung
gegenüber. Den ersteren Typ fand er außer im Vorderen Orient und Teilen Westtibets und
Turkestans auch im gesamten Mittelmeerraum bis Spanien und — von dort um 1540 ex
portiert — auch in der Neuen Welt, und zwar in einigen Oasendörfern der Wüste Atacama
in Nordchile. Diese vertikalachsige Form fehlt dagegen nach R. völlig in Indien, China,
Afrika und Australien. Das Verbreitungsgebiet der Wassermühle römischen Typs dagegen
ist noch enger und erstreckt sich im wesentlichen auf die Länder, die ehemals unter rö
mischem Kultureinfluß standen, also Gallien, Germanien und England. Vom Verf. übersehen
wurde, daß auch die im nördlichen Europa erst seit dem späten Mittelalter bekannte Wind
mühle ursprünglich, und zwar vom 7.—13. Jh., ebenfalls im Vorderen Orient, in vertikal-
achsiger Form gebaut wurde, während die abendländische Windmühle mit vertikal-
gestelltem Flügelwerk erst eine spätere, der Wassermühle römischen Typs entsprechende
Form ist. Dadurch, daß das Wasserrad der Mühle Ende des 18. Jh.s, zuerst in England,
auch zum Antrieb von Spinn- und Webmaschinen verwendet wurde, und dadurch, daß die
Müllerei selbst im Laufe des 19. Jhs. immer mehr zu Dampf- und Wasserturbinenantrieb
überging, wurde nach R. ein bedeutender Beitrag zur Entstehung des industriellen Kapi
talismus geleistet — ein Gedanke, den bereits Karl Marx zum Ausdruck brachte, als er
(in: Das Elend der Philosophie ) schrieb: „Mit der Erwerbung neuer Produktionskräfte ver
ändern die Menschen ihre Produktionsweise, und mit der Veränderung der Produktions
weise, der Art, ihren Unterhalt zu gewinnen, verändern sie alle ihre gesellschaftlichen Ver
hältnisse. Die Handmühle ergibt eine Gesellschaft mit Feudalherrn, die Dampfmühle eine
Gesellschaft mit industriellen Kapitalisten.“ Hermann GLEiSBERG-Grimrnä
Laedrach, Walter: Der Bernische Speicher. Bern, Verlag P. Haupt, 1954 (= Berner
Heimatbücher. Hrsg, in Verbindung mit der Bernischen Erziehungsdirektion und
dem Berner Heimatschutz von W. Laedrach. Bd. 57/58.
Nach dem verdienstvollen Speicherbuch des begeisterten Sammlers Albert Stumpf ist
nun nach 40 Jahren die vorliegende, sehr anregende Einführung in die Bernischen Speichel
erschienen. Die Gliederung des Heimatbuches ist recht zweckmäßig. Sie beginnt mit der