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Buchbesprechungen
idealtypisch zu steigern. Jedenfalls: ein erster
mutiger Schritt in Richtung auf eine Metho
dologie der Feldforschung ist getan; hoffen
wir, daß ihm andere bald folgen.
L. G. Löffler
LOBZANG JIVAKA:
Imji Getsul. An english Buddhist in a Tibe-
tan Monastery. London: Routledge and
Kegan Paul. 1962. 201 S., 13 Abb., 1 Karte
und 1 Glossar (S. 1—7).
Dieses Buch, aus täglichen Niederschriften
entstanden, ist der Bericht eines Europäers
(Dr. Laurence Michael Dillon), der unter
einem Klosternamen einige Zeit als Mönch
in dem für strenge Klosterzucht bekannten
Lamakloster Ri-tshong in Ladvags (Ladak)
gelebt und sich dort als dGe-tshul (Novize)
der Klostererziehung in aller ihrer Härte
unterworfen hat (z. Klostererziehung vgl.
auch M. E. Miller, Educational Practices of
Tibet Lama Training, in: Folklore Studies,
Vol. XVI, 1957). Dadurch unterscheidet sich
diese Veröffentlichung, die man gut mit Theos
Bernard, Land of a Thousand Buddhas, Lon
don 1957, lesen kann, von fachwissenschaft
lichen Abhandlungen und gibt lebendige Ein
blicke in das Herzstück des Lamaismus, der
die tibetische Kultur weitgehend geprägt hat.
Den Ethnologen werden besonders die Er
fahrungen mit der Mentalität des Tibeters,
wie sie ein vorbehaltloses Zusammenleben in
einem Konvent mit sich bringen muß, von
Wert sein.
Da der Verfasser in Ri-tshong (Rizong)
seine Mönchslaufbahn In der Klosterküche
begann, finden wir auch einige Angaben zur
materiellen Kultur Tibets (Kap. 3 und 4: Zu
bereitung des Tees mit dem Do-mo-Misch-
gefäß, der Thug-pa genannten Gemüsesuppe
und der Mittagsmahlzelt mit den berühmten
rTsam-pa (Tsamba)-Klößchen, Par-pa ge
nannt. Daneben wird die Herstellung von
Tinte, Papier und Druckschriften erwähnt
(S. 141 f.). Einen breiten Raum nehmen na
türlich die Berichte über die religiösen Zeremo
nien ein (S. 124: Angaben über verschiedene
Initiationen, tib.: dBang [-skur]; S. 129 ff.:
über die Inkarnationen, tib.: sPrul-sku, wobei
beachtlich ist, daß die Inkarnation ein und
derselben Gottheit zugleich auf den verschie
denen Wirklichkeitsebenen buddhistischer
Weltanschauung, das heißt im Dharmakäya,
Sambhogakäya und Nirmanakäya, stattfin
den kann, daß ferner der Dalai-Lama beim
Aussterben einer Inkarnationsreihe eines Klo
sters irgendeine Wiedergeburt zur Begrün
dung einer neuen Inkarnationsfolge einsetzen
kann. Den Ethnologen dürften aber vornehm
lich die Regenmacher-Lamas in Kap. 7 inter
essieren. Wenn bei den entsprechenden Zere
monien ein philosophisches Werk des Refor
mators Tsong-kha-pa (1357—1419) verlesen
wird, obwohl dieses mit dem Wettermachen
gar nichts zu tun hat, so muß das nach den
Erklärungen, die von den Lamas gegeben
wurden, in der Absicht einer Unterstützung
der Konzentration begründet sein, die selbst
ganz und gar auf den erbetenen Regen ein
gestellt ist. Obwohl sich der Verfasser von
der erfolgreichen Wirksamkeit der Wetter
macher überzeugt weiß, was mit der Auffas
sung auch anderer europäischer Augenzeugen
übereinstimmt, so lehnt er es doch ab, andere,
sogenannte übernatürliche, Fähigkeiten im
Spiele zu sehen als eine erstaunliche Konzen
trationskraft. Wir werden hier an die Berichte
über den berühmten tibetischen Dichter-
Yogi Mi-Ia-ras-pa (Milarepa, 1040—1123)
erinnert, von dessen Lebensbeschreibung (tib.:
rNam-thar) der Autor 1962 in London eine
Ausgabe (’’The Life of Milarepa“) veranstal
tet hat (vgl. S. Hummel, Mi-la-ras-pa und
die bKa’-rgyud-pa. Einige Neuerscheinungen
und Neuauflagen auf dem Büchertisch, in:
Kairos, Salzburg 1963). Ein Bild mit Lamas
beim Regcnzeremoniell zeigt H. Haslund-
Christensen, Jabonah, Leipzig o. J., Abb. 113.
— Zum Regcnzeremoniell (tib.: Char-’bebs)
vgl. auch Ch. Bell, The People of Tibet, Ox
ford 1928, S. 37 f. Nach F. Grenard, Tibet,
London 1904, S. 322, benutzen manche Re
genmacherlamas einen Stein, Chu-shel (Mond
stein?) genannt. Der Mond gilt als Wasser
halter (vgl. S. Hummel, Euras. Traditionen
in der tibet. Bon-Religion, in: Opusc. Ethn.
Mem. Lud. Biro Sacra, Budapest 1959, S.
193). Ein Regenzauberritual befindet sich im
Hevajra-tantra (cd. D. L. Snellgrove, The
Hevajra Tantra, London 1959, Vol. I, S.
51 f.).
Da das vorliegende Buch, in geschmackvol
lem Ganzleinen, nicht auf unglaubwürdige
Sensationen ausgerichtet ist, wird es einen gu
ten Platz auch in der Bücherei des Ethnolo
gen haben können.
S. Hummel