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Lutz Röhrich
14. Oberweißbach (Kr. Neuhaus): Fröbelgedenkstätte; Leiter O. Leitholf.
15. Renthendorf (Kr. Stadtroda): Brehm-Gedenkstätte; Leitung z. Z. unbesetzt.
16. Stützerbach (Kr. Ilmenau): Goethe-Häuschen (privat).
17. Weimar: Goethe- und Schiller-Gedenkstätten; Direktor Holtzhauer.
18. Weimar: Nationale Gedenkstätte Buchenwald; Leiter Schaak.
Die Kreise Altenburg und Schmölln gehören seit 1952 zum Bezirk Leipzig und sind daher
hier nicht aufgeführt worden.
Lutz Röhrich — Mainz
Die Märchenforschung seit dem Jahre 1945
Zweiter Teil
§ 6 Gesamtdarstellungen
Als eine der wichtigsten Neuerscheinungen darf man Max Lüthis Darstellung des
europäischen Volksmärchens bezeichnen 1 ). Das äußerst anregende Buch bringt eine Fülle
der feinsten Beobachtungen am Märchen, die der Märchenforschung wirklich neue Gesichts
punkte geben. An einzelnen Punkten scheinen freilich Ergänzungen nötig, denn so nützlich
Lüthis Beobachtungen sind, und so richtig sie die Erscheinungen registrieren, fragen sie
doch nicht nach deren „Warum?“. Es handelt sich bei Lüthis Arbeit um keine eigentlich
volkskundliche Untersuchung. Der Berner Literarhistoriker urteilt vielmehr bewußt als
Literaturwissenschaftler, was sein Buch jedoch für den folkloristischen Märchenforscher
nicht weniger interessant macht. Lüthi lehnt es ab, das Märchen vom Inhaltlichen her zu
fassen, und ihn interessiert es nicht als Geschichtsquelle, nicht volkskundlich, Völker- und
religionspsychologisch oder philologisch, sondern lediglich als Erzählung. Auch die Einzel
motive beschäftigen den Yerf. nicht, geschweige denn ihre Geschichte, sondern nur die
Art, wie das Märchen sie verwendet. Weil Lüthi auch nicht die einzelnen ethnischen Aus
prägungen sucht, sondern die Grundform, die allen europäischen Märchen gemeinsam ist,,
beruht seine Darstellung nur auf einigen ausgewählten Sammlungen meist aus der Reihe
der Märchen der Weltliteratur, womit allerdings nur Buchtexte und keine erzählergetreuen
Sammlungen benutzt worden sind.
Es ist modern geworden, alles unter einem europäischen Gesichtspunkt zu betrachten,,
und dies ist auch zweifellos ein Fortschritt gegenüber der nur nationalen Betrachtungsweise:
der älteren Volkskunde. Günters Abendländische Legende, Danckerts Europäisches Volks
lied, WlORAs Europäischer Volksgesang, Bosserts Europäische Volkskunst und die Wall
fahrtsorte Europas von Kriss sind parallele wissenschaftliche Erscheinungen zu Lüthis
Europäischem Volksmärchen. Aber das spezifisch Europäische am Märchen wird bei Lüthi
leider nicht mit dem Märchen der Naturvölker konfrontiert, was längst einmal unter
nommen werden müßte, jedoch sehr genaue folkloristische und zugleich ethnologische
Kenntnisse verlangt. Es fragt sich nämlich, ob die Erzählungen orientalischer und primi
tiver Völker so sehr „Gebilde eigener Art“ sind, wie Lüthi schreibt, daß sie bei einer
Betrachtung des Märchens abseits stehen müßten. Vielmehr lassen gerade die Märchen der
Naturvölker auch für die Entwicklungsgeschichte des europäischen Märchens wichtige
Rückschlüsse zu. Das Märchen ist nicht an einen Kontinent gebunden, weshalb man ein
europäisches Volksmärchen nicht zu streng absondern darf.
x ) Max Lüthi: Das europäische Volksmärchen. Form und Wesen. Eine literaturwissen
schaftliche Darstellung. Bern 1947.