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Cecchi's Reisewerk: Von Zeila bis an die Grenzen von Kaffa.
zu befehligen gedenke, auch sicher durch die Gallaländer
bringen werde. Was es mit dieser überraschenden Bereit
willigkeit ans sich hatte, sollte sich bald zeigen. Nur mit
größter Mühe und unter Anwendung von allerhand kleinen
Kriegslisten hatte Antinori es bis setzt möglich gemacht,
etwa fünfzig im vorigen Jahre mitgebrachte und für die
Ausrüstung der Expedition bestimmte Karabiner vor der
Begehrlichkeit des Königs zu schützen. Nun wurde ihm der
endlich für sicher gehaltene Schatz zur Bewaffnung für die
versprochene Eskorte abgefordert, und gegen diesen klug
ausgedachten Vorwand gab es kein Remonstriren.
Die oft und viel gerühmte Anerkennung, die König
Menilek der europäischen Kultur zollen soll, gipfelte
nach Cecchi's Schilderung damals auch schon in der
höchsten Wertbschätzung der europäischen Feuerwaffen und
in dem unermüdlichen Bestreben, sich auf die eine oder die
andere Weise möglichst viele derselben zu verschaffen. Diese
zeitgemäße und bei einem Herrscher von Menilek's kriege
rischen Neigungen doppelt begreifliche Vorliebe war durch
das Kriegsglück des Kaisers Johannes, der im Jahre zuvor
den Aegyptern 15000 Remington-Gewehre abgenommen
hatte, noch bedeutend verstärkt worden. Hand in Hand
mit ihr ging freilich ein kindisches Vergnügen an allerhand
Spielereien und Thorheiten, die, bis sie den Reiz der
Neuheit verloren hatten, den König tagelang beschäftigen
und die Geduld der zur Theilnahme herangezogenen Europäer
auf eine schwere Probe stellen konnten. Unter den von
Cecchi überbrachten Geschenken fand neben einigen Jagd
gewehren und Pistolen neuerer Systeme namentlich eine
Laterna magica den höchsten Beifall, und als ganz unver
geßlich schildert der Reisende den Abend, an welchem der
König vor Freude über die an der Wand erscheinenden
komischen Bilder sich im Vereine mit mehreren seiner
höchsten Beamten in toller Ausgelassenheit am Boden
wälzte. Eine eigenthümliche Verwendung fanden die durch
je ein vollständiges Exemplar repräsentirten Uniformen
sämmtlicher Regimenter der italienischen Armee, die als
besondere Ehrengabe „dem befreundeten Fürsten" dar
gebracht wurden. Menilek ordnete ihre sofortige Ver-
theilung unter die höchsten Mitglieder des Klerus an, und
seitdem kann man — eine treffende Illustration des bis
zur Unkenntlichkeit entstellten und verzerrten Christenthums
von Abessinien — die schoanischen Bischöfe und Erzpriester,
als italienische Dragoner, Kürassiere n. s. w. verkleidet,
mit Helm oder Käppi anstatt der Mitra ans dem Haupte,
den Gottesdienst abhalten oder das Abendmahl austheilen
sehen.
Während nach wenigen Tagen der Ruhe die kleine
italienische Kolonie in Let-Marefia sich eifrig mit den Vor
bereitungen für die ans das Ende des Monats festgesetzte
Abreise zu beschäftigen begann, trat das erste jener langen
Reihe von Hindernissen ein, die den Abgang der Expedition
bis zum Mai des nächsten Jahres hinausschieben sollten.
Einige der an der Südgrenze des Reiches, am Hawash,
wohnenden Gallastämme waren mit einander in Krieg ge
rathen, das Passiren jenes Gebietes deshalb unmöglich.
Um die Ruhe wieder herzustellen und zugleich den Statt
halter (Ras) jener Provinz zu bestrafen, unternahm Menilek
mit einem ansehnlichen Heere einen Kriegszug nach dem
Hawash, von dem er nach kaum drei Wochen siegreich und
mit einer Beute von fast 18 000 Stück Vieh heimkehrte.
Der November war inzwischen herangekommen, und von
einem Tage zum anderen erwarteten nun die Reisenden von
dem durch seinen Erfolg in besonders gehobene Stimmung
versetzten Könige die Erlaubniß zur Abreise zu erhalten.
Sie warteten vergeblich; denn in einer Weise, die dem
größten Diplomaten Ehre gemacht haben würde, wußte
Menilek ihren fast täglich erneuerten Bitten und Anfragen
auszuweichen. Bald schien ihm das ganze Unternehmen zu
gefährlich und ein weiteres Ueberlegen noch geboten, bald
konnte er die Maulthiere, die er für die Karawane liefern
wollte, nicht erhalten, bald wollte er das Eintreffen eines
besonders zuverlässigen Begleiters für die Expedition ab
warten. Zuletzt gab er sich nicht mehr die Mühe, einen
Vorwand zu ersinnen, stellte sich ihren Fragen gegenüber
einfach taub und sprach freundlich und scheinbar unbefangen
von anderen Dingen.
Der Aerger der Reisenden war schon aufs Höchste ge
stiegen, als der König plötzlich am 15. November ihnen sehr
entschieden erklärte, er könne seine Zustimmung zu der
Expedition nur unter der Bedingung ertheilen, daß Martini
noch einmal nach Italien gesandt werde, um ihm dort eine
bestimmte Anzahl von Gewehren zu verschaffen. Alle Ein
wendungen Antinori's und des sonst von dem Könige hoch
verehrten Bischofs Massaja scheiterten an dem kindischen
Eigensinn des Herrschers. Martini's Abreise wurde auf
die ersten Tage des December festgesetzt, bis wohin der
goldene Filigranschmuck, den Menilek dem Könige von
Italien zu übersenden gedachte, fertig sein würde. Unmittel
bar daraus sollte dann die Expedition, mit allem Nöthigen
reich versehen, unter sicherem Schutze ihren Marsch nach
Süden antreten, und endlich auch die Urkunde aufgesetzt
werden, durch welche die Niederlassung in Let-Marefia mit
den dazu gehörigen 95 Hektaren kultnrfühigen Landes zum
festen Eigenthume der italienischen Krone gemacht werden
würde. Daß die Expedition durch diese Abordnung Mar
tini's eines muthigen und unternehmenden Mitgliedes beraubt
werden sollte, war ein Mißgeschick, das die klebrigen um so
schwerer empfanden, als auch Antinori durch seinen Gesund
heitszustand an der Theilnahme verhindert wurde. Eine
Schnßverletzung an der rechten Hand, die er vor einigen
Monaten sich zugezogen, hatte ihn nicht nur des Gebrauches
der Hand bis jetzt gänzlich beraubt, sondern noch allerhand
andere Leiden zur Folge gehabt, die in seinem Alter und
bei der immerhin nur mangelhaften Pflege gar leicht jetzt
schon einen ernsthaften Charakter annehmen konnten. So
blieben einstweilen nur Cecchi und Chiarini für das so groß
geplante Unternehmen übrig; denn auch die drei italienischen
Diener, deren Reiselust durch alles bisher Erlebte gründlich
abgekühlt war, zogen es vor, unter dem Schutze der mili
tärischen Eskorte, die Martini nach Zeila begleiten und
seine Rückkunft dort erwarten sollte, nach Italien zurück
zukehren. Mit dem festen Versprechen, den sehr wider
Willen übernommenen Auftrag möglichst rasch zu erledigen,
um den Gefährten noch nachfolgen zu können, verließ Mar
tini am 2. December Litsche. Wie zu erwarten stand, dachte
Menilek auch nun nicht daran, sein Versprechen der sofor
tigen Ausrüstung der Expedition zu halten. Lange Ver
handlungen über die von den Reisenden noch benöthigte
Summe, über die Zahl der Lastthiere u. s. w. füllten die
nächsten Wochen aus, und als endlich die Sache dem Ab
schluß nahe schien, kam abermals die Nachricht von einen:
Aufstande in einer der Gallaprovinzen des Königreiches.
Der Statthalter dieser Provinz, Ras Maschascha, war ein
Vetter des Königs und von diesem wegen seiner offenkun
digen Absichten auf den Thron von Schon schon einmal
jahrelang gefangen gehalten worden. Jetzt konnte der Auf
ruhr in der ihm unterstellten Provinz ihn leicht zur Wieder
aufnahme jener alten Pläne veranlassen, und um dieser
Gefahr vorzubeugen, ging Menilek am 17. December wieder
mit einem starken Heere nach jener Provinz ab. Durch
erbarmungsloses Morden, Verwüsten des Landes und Nieder