Besprechungen
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ILSEDORE RARISCH, Das Unternehmerbild in der Erzählliteratur der ersten Hälfte des 19. Jahr
hunderts. Berlin (West), Colloquium-Verlag, 1977. XIII, 255 S. (= Einzelveröffentlichungen der
Historischen Kommission zu Berlin, Bd. 17).
Die Arbeit markiert nach Auskunft ihres Hrsgs. Otto Büsch die am weitesten vorgeschobene Front
der „historischen Industrialisierungsforschung“, wie sie schwerpunktmäßig von der Westberliner
„Historischen Kommission“ betrieben wird (S. VI). Mit der bürgerlichen Industriegesellschaftslehre
und ihrer sozialhistorischen Rückprojektion, deren Geschichtsbild auch diese Publikation folgt, hat
sich die marxistische Kritik schon oft beschäftigt. Für die Entstehung dieser Untersuchung ist bedeut
sam, daß die Forschungsgruppe um Büsch seit Anbeginn einen weiten Begriff der „Industrialisierung“
vertritt. Der Ausweitung des Geschichtsbildes von einer engeren Betrachtung wirtschaftlicher und
sozialer Wachstumstendenzen zu einer bewußten, konzeptionellen Einbeziehung von „gesellschaftlichen,
politischen und nicht zuletzt kulturellen Vorgängen“ (S. V) mußte notwendig die Heranziehung neuer
Quellenbereiche - wie in diesem Falle der Literatur - folgen.
In ausgedehnten theoretisch-methodologischen Vorüberlegungen versucht die Verf., ihren sozial
historischen Forschungsansatz mit Methoden und Erkenntnissen der Literatur- und Wirtschaftsgeschichte
(teilweise auch der marxistischen), der Statistik, Trivialliteraturforschung und Sozialpsychologie zu
einem Instrumentarium zu verschmelzen, das sowohl der Spezifik des Gegenstandes als auch den
Prämissen ihres Geschichtsbildes angepaßt ist.
Die analysierte Primärliteratur wird vor allem nach dem Grad der „dokumentarischen Ergiebigkeit“
(S. 7, 183) für die Unternehmerdarsteilung ausgewählt. Die Verf. entscheidet sich unter diesem
Aspekt für Immermanns „Epigonen“ (1836) sowie für Romane, Erzählungen oder Novellen von
Willkomm, Häberlin, Dronke, Eichholz, Hesekiel, Oelckers, Weerth, Prutz, Krebs und Ruppius aus
den vierziger bis sechziger Jahren. In minutiöser Kleinarbeit fächert sie das in dieser Literatur
entworfene Unternehmerbild bis in seine kleinsten Elemente auf, wobei private, berufliche bzw.
ökonomische, gesellschaftliche und politische Dimensionen eine Berücksichtigung finden. Die so
gewonnenen Aussagen werden, wo möglich, direkt an einschlägigen Erkenntnissen der Wirtschafts-
bzw. Sozialgeschichte oder an realen Vorbildern aus der Erfahrungswelt der Autoren gemessen.
Zusammenfassend konstatiert die Verf. einen grundsätzlichen Unterschied zwischen dem litera
rischen Utiternehtnerbild der dreißiger Jahre, singulär vertreten durch Immermann, und einem
„einheitlichen Unternehmerbild in den Romanen der 40er Jahre“ (S. 186). Die von ihr geschilderten
Wandlungen entsprechen im wesentlichen der marxistischen Auffassung von den Folgen der in den
dreißiger Jahren einsetzenden und seit den vierziger Jahren deutlich hervortretenden Modifikationen
des Hauptwiderspruchs zwischen Feudalismus und Kapitalismus durch den neu entstehenden Antagonis
mus zwischen Kapital und Arbeit. In der zeitgenössischen Literatur artikuliert sich diese Entwicklung
in einem Abrücken von der schon kritisch betrachteten, aber noch möglichen und auch teilweise
akzeptierten Illusion über die historische Fortschrittsrolle des Bürgertums sowie in der Hinwendung
zur deutlichen Enthüllung der Bourgeoisie als neuer Ausbeuterklasse. Diese seismographische
Fimpfindlichkeit, mit der große Teile der zeitgenössischen Literatur, vor allem die belletristische
Tagesproduktion, auf die gesamtgesellschaftlichen Wandlungsprozesse infolge der bürgerlichen Um
wälzung und der industriellen Revolution reagieren, macht sie gerade im Vormärz zu einer
unverzichtbaren Quelle für die Analyse kulturgeschichtlicher Prozesse.
Allerdings ist auch nicht zu übersehen, daß die Verf. das literarische Material in keiner Weise
voll ausschöpft. Nach ihrer eigenen Auskunft spielt das „Leben und Schaffen der Arbeiter“ (S. 46)
zwar bei Immermann noch kaum eine Rolle; in den sozialen Romanen der vierziger Jahre ist
dagegen „das Verhältnis des Unternehmers zu seinen Arbeitern . . . zum Zentralthema geworden . . .,
stoßen doch hier die neuen Kontrahenten aufeinander, die an die Stelle des alten Gegensatzpaares
Adel/bürgerlicher Unternehmer getreten sind“ (S. 120). Tatsächlich nehmen die Schilderungen der von
extensiver Ausbeutung, Not und Elend gekennzeichneten Arbeits- und Lebensbedingungen der
Fleim- und Fabrikarbeiter den breitesten Raum in diesen literarischen Werken ein. Das Material
kommt also der vom Hrsg, eingangs formulierten weiten Fragestellung nach der „Rezeption des
Industrialisierungsprozesses in seinen frühen Phasen anhand seines Niederschlags in der zeit
genössischen Literatur“ (S. V) durchaus entgegen. Um so unverständlicher erscheint auf den ersten
Blick die rigorose Einengung der konkreten Untersuchung auf das Unternehmerbild - eine Ent
scheidung, die zudem an keiner Stelle der umfangreichen Methoden- und Verfahrenserörterungen
auch nur ansatzweise begründet wird.