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Volltext: Jahrbuch für Volkskunde und Kulturgeschichte, 7=22.1979

Besprechungen 
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ILSEDORE RARISCH, Das Unternehmerbild in der Erzählliteratur der ersten Hälfte des 19. Jahr 
hunderts. Berlin (West), Colloquium-Verlag, 1977. XIII, 255 S. (= Einzelveröffentlichungen der 
Historischen Kommission zu Berlin, Bd. 17). 
Die Arbeit markiert nach Auskunft ihres Hrsgs. Otto Büsch die am weitesten vorgeschobene Front 
der „historischen Industrialisierungsforschung“, wie sie schwerpunktmäßig von der Westberliner 
„Historischen Kommission“ betrieben wird (S. VI). Mit der bürgerlichen Industriegesellschaftslehre 
und ihrer sozialhistorischen Rückprojektion, deren Geschichtsbild auch diese Publikation folgt, hat 
sich die marxistische Kritik schon oft beschäftigt. Für die Entstehung dieser Untersuchung ist bedeut 
sam, daß die Forschungsgruppe um Büsch seit Anbeginn einen weiten Begriff der „Industrialisierung“ 
vertritt. Der Ausweitung des Geschichtsbildes von einer engeren Betrachtung wirtschaftlicher und 
sozialer Wachstumstendenzen zu einer bewußten, konzeptionellen Einbeziehung von „gesellschaftlichen, 
politischen und nicht zuletzt kulturellen Vorgängen“ (S. V) mußte notwendig die Heranziehung neuer 
Quellenbereiche - wie in diesem Falle der Literatur - folgen. 
In ausgedehnten theoretisch-methodologischen Vorüberlegungen versucht die Verf., ihren sozial 
historischen Forschungsansatz mit Methoden und Erkenntnissen der Literatur- und Wirtschaftsgeschichte 
(teilweise auch der marxistischen), der Statistik, Trivialliteraturforschung und Sozialpsychologie zu 
einem Instrumentarium zu verschmelzen, das sowohl der Spezifik des Gegenstandes als auch den 
Prämissen ihres Geschichtsbildes angepaßt ist. 
Die analysierte Primärliteratur wird vor allem nach dem Grad der „dokumentarischen Ergiebigkeit“ 
(S. 7, 183) für die Unternehmerdarsteilung ausgewählt. Die Verf. entscheidet sich unter diesem 
Aspekt für Immermanns „Epigonen“ (1836) sowie für Romane, Erzählungen oder Novellen von 
Willkomm, Häberlin, Dronke, Eichholz, Hesekiel, Oelckers, Weerth, Prutz, Krebs und Ruppius aus 
den vierziger bis sechziger Jahren. In minutiöser Kleinarbeit fächert sie das in dieser Literatur 
entworfene Unternehmerbild bis in seine kleinsten Elemente auf, wobei private, berufliche bzw. 
ökonomische, gesellschaftliche und politische Dimensionen eine Berücksichtigung finden. Die so 
gewonnenen Aussagen werden, wo möglich, direkt an einschlägigen Erkenntnissen der Wirtschafts- 
bzw. Sozialgeschichte oder an realen Vorbildern aus der Erfahrungswelt der Autoren gemessen. 
Zusammenfassend konstatiert die Verf. einen grundsätzlichen Unterschied zwischen dem litera 
rischen Utiternehtnerbild der dreißiger Jahre, singulär vertreten durch Immermann, und einem 
„einheitlichen Unternehmerbild in den Romanen der 40er Jahre“ (S. 186). Die von ihr geschilderten 
Wandlungen entsprechen im wesentlichen der marxistischen Auffassung von den Folgen der in den 
dreißiger Jahren einsetzenden und seit den vierziger Jahren deutlich hervortretenden Modifikationen 
des Hauptwiderspruchs zwischen Feudalismus und Kapitalismus durch den neu entstehenden Antagonis 
mus zwischen Kapital und Arbeit. In der zeitgenössischen Literatur artikuliert sich diese Entwicklung 
in einem Abrücken von der schon kritisch betrachteten, aber noch möglichen und auch teilweise 
akzeptierten Illusion über die historische Fortschrittsrolle des Bürgertums sowie in der Hinwendung 
zur deutlichen Enthüllung der Bourgeoisie als neuer Ausbeuterklasse. Diese seismographische 
Fimpfindlichkeit, mit der große Teile der zeitgenössischen Literatur, vor allem die belletristische 
Tagesproduktion, auf die gesamtgesellschaftlichen Wandlungsprozesse infolge der bürgerlichen Um 
wälzung und der industriellen Revolution reagieren, macht sie gerade im Vormärz zu einer 
unverzichtbaren Quelle für die Analyse kulturgeschichtlicher Prozesse. 
Allerdings ist auch nicht zu übersehen, daß die Verf. das literarische Material in keiner Weise 
voll ausschöpft. Nach ihrer eigenen Auskunft spielt das „Leben und Schaffen der Arbeiter“ (S. 46) 
zwar bei Immermann noch kaum eine Rolle; in den sozialen Romanen der vierziger Jahre ist 
dagegen „das Verhältnis des Unternehmers zu seinen Arbeitern . . . zum Zentralthema geworden . . ., 
stoßen doch hier die neuen Kontrahenten aufeinander, die an die Stelle des alten Gegensatzpaares 
Adel/bürgerlicher Unternehmer getreten sind“ (S. 120). Tatsächlich nehmen die Schilderungen der von 
extensiver Ausbeutung, Not und Elend gekennzeichneten Arbeits- und Lebensbedingungen der 
Fleim- und Fabrikarbeiter den breitesten Raum in diesen literarischen Werken ein. Das Material 
kommt also der vom Hrsg, eingangs formulierten weiten Fragestellung nach der „Rezeption des 
Industrialisierungsprozesses in seinen frühen Phasen anhand seines Niederschlags in der zeit 
genössischen Literatur“ (S. V) durchaus entgegen. Um so unverständlicher erscheint auf den ersten 
Blick die rigorose Einengung der konkreten Untersuchung auf das Unternehmerbild - eine Ent 
scheidung, die zudem an keiner Stelle der umfangreichen Methoden- und Verfahrenserörterungen 
auch nur ansatzweise begründet wird.
	        
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