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Volltext: Jahrbuch für Volkskunde und Kulturgeschichte, 3=18.1975

Einfluß der Stadt auf das russische Märchen 
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chen zeigen die Veränderungen an, die jede Epoche in das traditionelle Märchen 
hineinträgt. Ihre quantitative Anhäufung bringt eine neue Qualität hervor. Das 
seinem Wesen nach archaische traditionelle Zaubermärchen, das in einzelnen Details 
die kapitalistische Wirklichkeit widerspiegelt und in dem starke Einflüsse städtischer 
Lebensweise spürbar sind, ist am Vorabend der Großen Oktoberrevolution noch in 
voller Blüte und gehört zum ständigen Repertoire der russischen Bauern. An ihm 
ging jedoch nicht spurlos vorüber, daß es von einer „neuen Bauerngeneration, die in 
den Städten dem Wandergewerbe nachging und die Bitternis des Wanderlebens und 
der Lohnarbeit kennengelernt hatte“, 8 erzählt wurde. 
Nach der Großen Oktoberrevolution bleibt das Märchen der jahrhundertealten 
Tradition verhaftet, nimmt jedoch gleichzeitig immer stärker neue Elemente auf 
und spiegelt in spezifischer Form die neue Wirklichkeit wider. Auch jetzt dringen 
wie in der vorangegangenen Periode unter dem Einfluß der Stadt, seiner Kultur 
und Kunst neue Züge in das Märchen ein. Charakteristisch für das Märchen nach 
der Oktoberrevolution ist die ständige Gegenüberstellung des Alten und Neuen, 
der Vergangenheit und Gegenwart, des „Früher“ und des „Heute“. Gleichzeitig 
tauchen im Märchen neue Begriffe auf: Es wird von Subbotniks gesprochen, von 
Sonntagsschichten, von der ununterbrochenen Arbeitswoche; der Held des Mär 
chens kommt in den „Sowjet“, die traditionelle Fabel ist im Kolchos angesiedelt, 
die Handlung spielt „unter den Bolschewiki“. In den Märchen treten Milizionäre, 
Kommissare und Studenten auf. Der entthronte Zar gibt sich trüben Gedanken hin 
wie: „Einst war ich Zar, und jetzt bin ich zum erbärmlichsten Spekulanten ge 
worden.“ 9 Erwähnungen von Telegrammen und Plakaten nehmen in den Märchen 
quantitativ zu, gleichzeitig werden Begriffe genannt wie „Protokoll“, „städtisches 
Personal“; es werden Wendungen wie „Darf ich etwas hierzu sagen...“ und die 
Anrede „Genosse“, „Genosse Richter“ usw. verwendet. Auch die traditionellen 
Motive werden modernisiert. Bei der wundersamen Flucht erwähnt der Märchen 
erzähler, „daß der Zar auf einem Kongreß in einer anderen Stadt weilte“, daß er in 
die Hauptstadt gereist sei, um Arbeitskräfte zu beschaffen. 10 Bereits in den zwanziger 
Jahren zeigen sich somit im traditionellen Märchen qualitativ neue Züge, und man 
kann zweifellos von einer neuen Periode sprechen. 
Die in ihrem Repertoire und in ihrer erzählerischen Meisterschaft durchaus unter 
schiedlichen Erzähler der dreißiger Jahre, die das traditionelle russische Märchen 
bewahren, aber gleichzeitig auch erneuern, weisen in ihrem Schöpfertum viele 
Gemeinsamkeiten auf. Sie alle bemühen sich, die phantastischen Sujets realistisch 
zu begründen, das Zaubermärchen mit Details aus dem täglichen Leben anzureichern, 
den psychologischen Hintergrund aufzuhellen. Sie versuchen, dem Märchen eine 
belehrende Note zu verleihen, es sozial zuzuspitzen und ihm einen politischen Akzent 
zu geben. Der bekannte „literarische Charakter“ des Märchens, der sich teils in der 
Verarbeitung literarischer Quellen, teils in den bewußt an die Literatur angepaßten 
Titeln, aber auch in den literarischen Reminiszenzen, die in die Erzählung ein 
8 Lenin, Polnoe sobranie soöinenij, Bd. 20, S. 141. 
8 Skazki iz raznych mest Sibiri, Irkutsk 1928, S. 9. 
10 A. I. Nikiforov, Pobeditel’ zmeja (Der Schlangentöter). Iz severorusskich skazok. 
Sovetskij fol’klor. Sbornik statej i materialov, Bd. 4/5, Moskau/Leningrad 1936, S. 230.
	        
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