Einfluß der Stadt auf das russische Märchen
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chen zeigen die Veränderungen an, die jede Epoche in das traditionelle Märchen
hineinträgt. Ihre quantitative Anhäufung bringt eine neue Qualität hervor. Das
seinem Wesen nach archaische traditionelle Zaubermärchen, das in einzelnen Details
die kapitalistische Wirklichkeit widerspiegelt und in dem starke Einflüsse städtischer
Lebensweise spürbar sind, ist am Vorabend der Großen Oktoberrevolution noch in
voller Blüte und gehört zum ständigen Repertoire der russischen Bauern. An ihm
ging jedoch nicht spurlos vorüber, daß es von einer „neuen Bauerngeneration, die in
den Städten dem Wandergewerbe nachging und die Bitternis des Wanderlebens und
der Lohnarbeit kennengelernt hatte“, 8 erzählt wurde.
Nach der Großen Oktoberrevolution bleibt das Märchen der jahrhundertealten
Tradition verhaftet, nimmt jedoch gleichzeitig immer stärker neue Elemente auf
und spiegelt in spezifischer Form die neue Wirklichkeit wider. Auch jetzt dringen
wie in der vorangegangenen Periode unter dem Einfluß der Stadt, seiner Kultur
und Kunst neue Züge in das Märchen ein. Charakteristisch für das Märchen nach
der Oktoberrevolution ist die ständige Gegenüberstellung des Alten und Neuen,
der Vergangenheit und Gegenwart, des „Früher“ und des „Heute“. Gleichzeitig
tauchen im Märchen neue Begriffe auf: Es wird von Subbotniks gesprochen, von
Sonntagsschichten, von der ununterbrochenen Arbeitswoche; der Held des Mär
chens kommt in den „Sowjet“, die traditionelle Fabel ist im Kolchos angesiedelt,
die Handlung spielt „unter den Bolschewiki“. In den Märchen treten Milizionäre,
Kommissare und Studenten auf. Der entthronte Zar gibt sich trüben Gedanken hin
wie: „Einst war ich Zar, und jetzt bin ich zum erbärmlichsten Spekulanten ge
worden.“ 9 Erwähnungen von Telegrammen und Plakaten nehmen in den Märchen
quantitativ zu, gleichzeitig werden Begriffe genannt wie „Protokoll“, „städtisches
Personal“; es werden Wendungen wie „Darf ich etwas hierzu sagen...“ und die
Anrede „Genosse“, „Genosse Richter“ usw. verwendet. Auch die traditionellen
Motive werden modernisiert. Bei der wundersamen Flucht erwähnt der Märchen
erzähler, „daß der Zar auf einem Kongreß in einer anderen Stadt weilte“, daß er in
die Hauptstadt gereist sei, um Arbeitskräfte zu beschaffen. 10 Bereits in den zwanziger
Jahren zeigen sich somit im traditionellen Märchen qualitativ neue Züge, und man
kann zweifellos von einer neuen Periode sprechen.
Die in ihrem Repertoire und in ihrer erzählerischen Meisterschaft durchaus unter
schiedlichen Erzähler der dreißiger Jahre, die das traditionelle russische Märchen
bewahren, aber gleichzeitig auch erneuern, weisen in ihrem Schöpfertum viele
Gemeinsamkeiten auf. Sie alle bemühen sich, die phantastischen Sujets realistisch
zu begründen, das Zaubermärchen mit Details aus dem täglichen Leben anzureichern,
den psychologischen Hintergrund aufzuhellen. Sie versuchen, dem Märchen eine
belehrende Note zu verleihen, es sozial zuzuspitzen und ihm einen politischen Akzent
zu geben. Der bekannte „literarische Charakter“ des Märchens, der sich teils in der
Verarbeitung literarischer Quellen, teils in den bewußt an die Literatur angepaßten
Titeln, aber auch in den literarischen Reminiszenzen, die in die Erzählung ein
8 Lenin, Polnoe sobranie soöinenij, Bd. 20, S. 141.
8 Skazki iz raznych mest Sibiri, Irkutsk 1928, S. 9.
10 A. I. Nikiforov, Pobeditel’ zmeja (Der Schlangentöter). Iz severorusskich skazok.
Sovetskij fol’klor. Sbornik statej i materialov, Bd. 4/5, Moskau/Leningrad 1936, S. 230.