Volltext: Anthropos, 29.1934

Neue Problemstellungen i. d. germanischen Religionsgeschichte. 
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Neue Problemstellungen in der germanischen 
Religionsgeschichte. 
Von Dr. Alois Closs. 
Gegenwärtig steht die ganze germanische Altertumskunde im Dienste 
einer zielbewußten nationalen Wiedererweckungsbewegung. Schon in den Tagen 
des Vaters der Germanistik, Jakob Grimm, war sie, ganz im Geiste der Ro 
mantik, in die ihre Anfänge hineingehören, von diesem Ziele irgendwie be 
stimmt. Damals wurde von den Vertretern der jungen Wissenschaft die Front 
hauptsächlich gegen die heidnische Antike zugunsten des „christlich-germani 
schen“ Ideals bezogen. Seitdem sich nun der Schwerpunkt der Disziplin vom 
Philologischen zur Vorgeschichtsforschung mit ihrem archäologischen und an 
thropologischen Zweig verschoben hatte und durch Gustav Kossinna das 
Schlagwort von der deutschen Vorgeschichte als einer hervorragend nationalen 
Wissenschaft ausgegeben worden war, grub sich auch die germanische Losung 
immer mehr ins letzterfaßbare, ausschließlich Germanische hinab, und damit 
hatte sich auch für die germanische Religionsgeschichte eine neue Lage und 
eine neue Einstellung vorbereitet. Eine beträchtlich anwachsende Zahl von 
Publikationen in den deutschen und insbesondere den nordischen Fachzeit 
schriften beweist, daß ein Umbau nicht nur im Gange, sondern vielfach 
geradezu durchgeführt ist. 
Schon in der Quellenbewertung liegt heute das Hauptaugenmerk 
deutlich abseits von den christlichen Bekehrergeschichten und Situations 
berichten auf jenen Zeugen, die ihrem Gehalte nach die Verhältnisse vor dem 
sinkenden Heidentum nicht nur angeblich möglichst ungetrübt wiedergeben, 
sondern eben selbst den heidnischen Geist atmen. Daß dabei die „Germania“ 
des Tacitus ihren alten Platz behauptet hat, ist um so verständlicher, als sie 
sich in der stets erneut zu bestehenden Feuerprobe des Vergleiches mit dem sich 
häufenden prähistorischen Material und den bodenständigen Quellen gut zu 
behaupten vermochte. Ihr gegenüber treten die sonstigen antiken Nachrichten 
sehr zurück. Dafür stehen jetzt im Vordergrund die Runeninschriften 1 , die 
1 Die ältesten germanischen Runen befinden sich auf Altsachen, und zwar in 
Dänemark (3. Jahrh. n. Chr.). Der älteste germanische Text ist in einem Übergangs 
alphabet von der etruskischen Schrift zu den germanischen Runen abgefaßt und erhalten 
auf einem Helm aus Negau in Steiermark, der sich im Wiener kunsthistorischen Museum 
befindet. Nach P. Kretschmer (Zeitschr. f. deutsches Altertum, 1929, S. 1 ff.) ist aus der 
form des Helmes und dem Stil der Zeichen auf das 2. Jahrh. vor Christus zu schließen.
	        
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