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Bibliographische Daten: Zeitschrift für Ethnologie, 87.1962

  
Buchbesprechungen und Bibliographien 283 
forschern referiert werden. Aus diesen Äußerungen lassen sich allenfalls die Wertmaß- 
stäbe erschließen, nach denen die Wildbeutergesellschaften die Differenzierungsrich- 
tungen der Individuen normieren, 
Leider hat Nippold die gesamte moderne Literatur, die sich vor allem in den 
Vereinigten Staaten eingehend mit diesen Problemen befaßt hat, völlig außer acht 
gelassen, Selbst ältere Autoren, wie Wilhelm Schmidt oder Paul Radin („Primi- 
tive Man as Philosopher“, 1927), die frühzeitig auf die Rolle des Individuums in primi- 
tiven Gesellschaften hingewiesen haben, kommen bei Nippold nicht zu Wort. Ebenso 
vermißt man eine Untersuchung wie die von Sjoerd Hofstra: „Differenzierungs- 
erscheinungen in einigen afrikanischen Gruppen — Ein Beitrag zur Frage der primi- 
tiven Individualität“ (Amsterdam 1933). 
Nur so ist es zu erklären, daß das Kapitel über die „Führer der Lokalgruppe" 
bei Nippold verhältnismäßig kurz ausgefallen ist, obwohl sich gerade aus einer syste- 
matischen Analyse der gesellschaftlichen Funktionen dieser leitenden Persónlichkeiten 
wichtige Kriterien für die Siebung und Auslese von Individuen hátten gewinnen lassen. 
Es genügt nicht, einfach die Überlegenheit oder den großen EinfluB dieser ,Führer" 
festzustellen. Eingehender befaBt sich Nippold mit den Zauberdoktoren, die nicht nur 
aufgrund ihrer magischen Fähigkeiten aus der Gemeinschaft hervorragen, sondern auch 
nach Art und Grad ihrer Begabung unterschieden werden. Gerade am Beispiel der 
Zauberdoktoren lieBe sich aufgrund des von Nippold beigebrachten Materials zeigen, 
daB die von ihm antithetisch formulierte Fragestellung: „Individuum“ oder „Kollek- 
tiv“ ein Scheinproblem aufwirft, das von der modernen Soziologie längst als solches 
erkannt ist. Nippold weist nämlich selbst mit Recht darauf hin, daß die Rolle des 
Zauberers in der Gesellschaft nicht nur von seiner individuellen Begabung abhängt, 
sondern daß sein Verhalten sich an den kollektiven Normen orientiert. Nur wenn und 
insoweit das Handeln des Zauberers den sozialen Erwartungen gerecht wird, findet 
er Anerkennung. Rein individuell sind allenfalls die persönlichen Verhaltensabwei- 
chungen zu verstehen, die dann auftreten, wenn der Zauberer über die normalen 
Erwartungen hinauswächst oder hinter ihnen zurückbleibt, obwohl auch hier die Wert- 
maßstäbe sozialer Natur sind. Aber selbst wenn ein Zauberer völlig neue Methoden 
entwickelte oder neue Betätigungsfelder für seine Begabung erschlösse, hinge seine 
Erfolgschance wesentlich von der Anerkennung seiner Innovationen ab. Damit soll 
die schöpferische Leistung von Individuen in den Wildbeutergesellschaften nicht herab- 
gemindert oder gar abgestritten werden; es müßte nur deutlicher zwischen solchen 
originalen Einsichten und Handlungen, die sich in der Tat — wie Nippold zutreffend 
bemerkt (S. 232 ff) — nicht auf soziologische oder sozialpsychologische Funktions- 
weisen reduzieren lassen, und den zwar von Individuen erfüllten, aber doch sozial 
normierten Verhaltenserwartungen unterschieden werden. 
Ebenso wäre es notwendig, zwischen dem individuell abweichenden Verhalten 
von der Norm und dem normierten Verhalten der Individuen in besonderen Situationen 
auf allen anderen Lebensgebieten zu unterscheiden, die Nippold im weiteren unter- 
sucht. So stellt Nippold z. B. fest: ,Die Freiheit der Gattenwahl ist bei den hier zur 
Diskussion herangezogenen Vólkern das Normale..." (S. 47). Das individuell ab- 
weichende Verhalten würde bei diesen Vólkern demnach in der erzwungenen Ehe- 
schlieBung bestehen, sofern diese Art der EheschlieBung nicht auch für besondere 
Fülle normiert ist (vgl. Nippold S. 48 ff: Leviratsehe bei Andamanern, Tauschheirat 
bei Pygmáen usw.). Auch sind die Ehehindernisse, die die individuelle Gattenwahl 
einschrànken, keineswegs ,ganz natürliche Vorschriften" (S. 62), sondern selbstver- 
stándlich soziale Normen. Damit soll die Feststellung Nippolds, daB diese Normen 
den Individuen bei den genannten Vólkern eine relativ große Freiheit lassen und 
daß sich einzelne Individuen auch über diese Normen hinwegsetzen, keineswegs herab- 
gemindert werden. 
Auch die Verwandtschaftsbezeichnungen besagen an sich noch nichts über die 
Differenzierung der Individuen, dienen sie doch gerade dazu, dem einzelnen unab- 
hängig von seinen individuellen Neigungen eine bestimmte gesellschaftliche Rolle 
zuzuweisen. Ebenso ist bei allen weiteren Erscheinungen, wie Initiationsriten, Eigen- 
tumsverhältnissen, beim Rechtsbruch, Begräbnissitten, religiósen Vorstellungen usw., 
die Nippold mit groBer Sorgfalt behandelt, stets zu fragen, welche Freiheit dem Indi- 
viduum tatsáchlich bleibt, von den sozialen Normen abzuweichen oder gar das gesamte 
Ordnungsgefüge seiner Kultur in Frage zu stellen. Von solchen ,revolutionáren" Vor- 
  
  
  
  
 
	        
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