Mil
64
r
der 'Unterschicht', mithin gegen die Lehre vom "gesunkenen Kultur-
Sut" (vgl. Fraenger 1926). Hans Naumann nahm in seiner Rezension
les Jahrbuches selbst Gelegenheit, sich mit Fraenger direkt aus-
$inanderzusetzen. Der Streit entzündete sich natürlich am Problem,
°b das 'Volk' die Fähigkeit besitze, aus der 'Oberschicht' herab-
Sesunkene Kulturgüter schöpferisch umzustilisieren, Dabei stellt
Sich die Frage, ob nicht auch schon eine bloße Rezeption ein
Schöpferisches Moment enthält, z. B. bei der Auswahl des zu Re-
Zipierenden, Auch die kleinste "Umstilisierung" hat natürlich eine
Schöpferische Komponente, die bei Untersuchungen zur Herkunft und
Iwanalung von Erscheinungen der Volkskultur mit berücksichtigt
"erden muß,
doch lesen wir, was Naumann auf die Fraengerschen Argumente ent-
Segnete: "Mag sein, daß dieser oder jener die Eigenwerte der
Volksmäßigen Reproduktion nicht immer genügend betont hat, ge-
leugnet hat die Erforschung der geistigen Volksgüter und, was
Mich betrifft, auch die Erforschung der sachlichen Volksgüter
Niema1s jene Umstilisierungen, die Fraenger jetzt so gewichtig
in den Vordergrund rückt, Das Neue und Wesentliche, daher stark
ZU betonende war auch in diesem klaren Falle die Abhängigkeit, das
Sinken von oben, Gegenüber der grundlegenden Bedeutung dieses Prin-
%ips ist alle Über- und Unterschätzung der primitiven Eigenwerte,
für die man meinetwegen einen nach dem Muster von praelogisch,
Praemoralisch geprägten neutralen Ausdruck bilden müßte, unwe—
Sent1ich. "80
Naumann rückt also wieder die Frage der Herkunft des Kulturgutes
in den Vordergrund, nicht die Frage nach den Ursachen und Wirkun-
Sen ger Kulturdynamik, und betont die Abhängigkeit "von oben",
"Man möchte dem Fraengerschen Spürsinn nur wünschen, daß er wei-—-
tere So wertvolle Beispiele gesunkenen Kulturguts auftreibt, vor
Allem auf deutschem Gebiete, Sie würden in einem neuen großen
Sstem der Volkskunde, das der Referent in seiner alten Weise
Dlant, eine fröhliche Urständ erleben, ... Die Volkskunde hat im
Dornröschenschlaf der Romantik noch lange gelegen, als ihre
Schwesterwissenschaften längst zu sehr positivistischen Methoden
daraus erwacht waren, Es kommt jetzt darauf an, sie zwar in ihre
Dositivistische Epoche noch nachträglich hineinzuführen, ihr aber
doch zugleich auch jene neue Konstruktive zu geben, die heute,
in unseren Tagen, Erfordernis jeder Wissenschaft geworden ist
(1 R. S.). Beide Forderungen erfüllt die Lehre vom gesunkenen