Leutnant Franz Mühlhofer: Über knochenführende Diluvialschichten usw.
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wenig Wasser in die Tiefe sickert. Wäre also zur
Römerzeit der Triester Karst3) wirklich durchaus be¬
waldet gewesen, so hätte nur eine sehr geringe Tiefen¬
entwässerung stattfinden können, somit auch eine Wasser¬
verminderung der Riesenquellen des Timavo. Sein
römerzeitlicher Wasserreichtum ließe somit nur auf eine
damalige ärgere Verkarstung schließen. Diese Möglich¬
keit wird aber noch durch die speläologische Ansicht
einer bedeutenden submarinen Abzapfung verdrängt.
Die trockene Steppenzeit, in der die Sinterbildung
ansetzt, ist das Ende des Diluviums, dessen Minimal¬
alter sich, von verschiedenen Gesichtspunkten aus (Vivian,
Sinterschichten in der Kenthöhle; Lyell, Hebungsbewegung
von Sandmassen; Mortillet, Verwitterungsgrad der Glet¬
scherschliffe) annähernd berechnet, auf 250 000 Jahre
beziffert.
Nun tritt wieder der Mensch auf. Hirsche, Wölfe,
Eber und Bären sind seine Gesellen. Trotz der Kennt¬
nis des Feuergehrauches treibt ihn die Kälte in die
letzten Enden der Grotten, und hier geben wieder Speise¬
überreste von Sü߬
wasserfauna Zeug¬
nis anderer hydro¬
graphischer Be¬
schaffenheit. Die
Flintartefakte sind
zierlicher und häu¬
figer, auch versteht
er sich bereits in
einfacher Kera¬
mik. Die Kälte¬
wirkung scheint
noch durchaus
sein Treiben zu
beschränken.
Endlich läßt sie
nach! Der Mensch
bewohnt nun all¬
mählich nur luf¬
tigere Grotten,
Felsennischen und
legt sich auch im
Freien Wohn¬
stätten an. Eber
und Bär treten
zurück. Der Jäger verehrt sie als seltene Beute, denn
er zeichnet sie auf gebrannte Knochen oder bearbeitet
sorgsam ihre Zähne zu Schmuck als seine Zierde.
Feuersteingeräte in feinster Ausführung stammen aus
der Umgebung, Süditalien usw., ja selbst indische
Steine und Kupfer werden verarbeitet. Die Tongeräte
sind oft kunstvoll verziert und sehr zahlreich. Dasselbe
gilt auch von den Knochenartefakten. Als Jäger und
Kaufmann tritt uns also der Mensch der jüngeren neo-
lithischen Steinzeit entgegen, mit einer Kultur, die wir
bestimmt unterschätzen.
Auf die trockene warme Steppenzeit folgt also wieder
eine andauernde kalte Zeit, eine Nacheiszeit, die sich
aber langsam abschwächt bis in die Gegenwart.
Endlich wieder eine Störung des Zusammenhanges:
der jungneolithisch-römische Hiatus, der dort, wo er
3) Allenthalben liest man auch die Ansicht, der ganze
Karst (der größte Teil des dinarischen Faltengebirges!) sei
von den Römern entwaldet. Daß die Alluvionen des Timavo
und andere Küstenstriche herrliche Haine hatten, tut nichts
zur Sache.
nachweisbar ist, sich als den größten repräsentiert. Diese
Erscheinung ist aber lediglich auf den Umstand zurück¬
zuführen , daß während der Bronzezeit die Höhlen un¬
bewohnt blieben. Dafür aber liegen, insbesondere in
den Höhlen der Umgebung von Nabresina, in deren obersten
Schichten zahlreiche Scherben römischer Wasserurnen
von über 1 m Höhe und in einen Zapfen auslaufend.
Diese wurden von den römischen Steinbruchsarbeitern
dazu benutzt, um das Sickerwasser aufzufangen, jeden¬
falls wieder ein Beweis für die gänzliche oberirdische
Wasserarmut dieser Gegend zur römischen Zeit. Ich
erwähne diesen Hiatus, da noch die Behauptung auf¬
recht ist, die Römer seien mit den „Neolithikern“ in
Berührung gewesen. Die Histrier, die hier dem römi¬
schen Ansturm zähen Widerstand leisteten, hätten das
sicher nicht mit Knochenpfriemen und Silexinstrumenten
zuwege gebracht, und der Obsidian wurde von den
Römern wohl zu Kameen, aber nicht zu Pfeilspitzen ver¬
arbeitet! Vielmehr stand es damals mit den Troglodyten
so wie heutigen Tages mit den Zigeunern.
Wir können
also deutlich zwei
eiszeitliche, eine
zwischen- und
nacheiszeitliche
Periode unter¬
scheiden. Dem
Homo begegnen
wir im ersten
Interglazial. Lei¬
der fehlen uns
noch menschliche
Knochenfunde;
wahrscheinlich ist
aber, daß sie jün¬
ger wären als die
Schädel von Spy,
Neandertal und
Krapina, die in
einem früheren
Interglazial lagen,
das hier noch
nicht nachgewie¬
sen ist. Die ana¬
tomische Anthro¬
pologie nennt diesen Menschen Homo primigenius. Er
tritt im ersten Interglazial als fast vollkommener
Mensch auf. In der ersten Eiszeit wird er vermißt,
ebenso noch im Präglazial. Nur die letzte Periode
aber wäre es, die als Übergangszeit zwischen Ter¬
tiär - und Quartärklima einem Tertiäraffen die Mög¬
lichkeit der Akkommodation geboten hätte : erst in
dieser geologischen Epoche sucht die spekulative An¬
thropologie den Homo primigenius, sie kennt bis jetzt
erst den Homo sapiens in den verschiedenen Rassen
wie oben.
In der Höhle am roten Feld arbeiteten bis jetzt
Prof. Dr. K. L. Moser (Mitteilungen der Anthropologischen
Gesellschaft in Wien, 1904, 3. Heft), Dr. Carlo Marche-
setti (ebenda 1905, 2. und 3. Heft; 1906, 3. und 4.
Heft), sowie der Höhlenforscherverein „Hades“, Triest.
Das Knochenlager ist noch lange nicht ausgebeutet;
trotzdem man schon 400 Bestien (davon 300 Ursus) ge¬
hörige Knochen und schöne paläolithische Artefakte hob,
bietet es noch immer ein lohnendes Feld nützlichster
Betätigung.
Abb. 2. Schädel von Ursus spelaeus aus der Bärenhöhle von Gahrovizza.
(Nach Dr. Marchesetti.)