Volltext: Globus, 3.1863

194 Schilderungen 
des Vierecks liegt der Kirche gegenüber , die zweite stößt an I die Piazzetta , die dritte auf das Meer , die vierte ist nur durch eiuen schmalen Kanal von den Kerkergebäuden ge - trennt und mit ihnen durch die zwischen Himmel und Erde geschlagene Seufzerbrücke verbunden . 
Der Palast hat ein Gepräge , das zugleich an drei Welttheile gemahnt : an Europa , Asien und Afrika . Wir sehen zunächst eine Reihe von Spitzbogengängen , mit Säulen , die keine Basis , aber gewaltige Kapitäle haben . Der Bogengang dient als Stütze für eine zweite Kolonnade , deren durchbrochener Fries wieder die aus rofenrothem und weißem Marmor aufgeführte Palastmauer trägt . Dieser so zu sagen lichte und offene Theil , auf welchem das Volle und Massive ruht , bildet zu dem letztern einen um so mehr wirksamen Gegensatz , da das Licht , wenn es ans die massiven Theile fällt , die Söller , die Bogen und Verzierungen nur noch viel schlanker erscheinen läßt . An diesem wunderbaren Bauwerke wird das Massive vom Leeren und Luftigen ge - tragen . Es scheint fast , als habe Caleudario , der dieses Meisterwerk schuf , einen Versuch macheu wollen , alle Ge - setze der Statik unbeachtet zu lassen , denn er gab den ge - waltigen Massen , welche den Winkel , die Ecke des Palastes bilden , weiter nichts zum Stützpunkt als eine einzelne Säule . Die Söller sowohl wie die Skulpturen an den beiden großen Fenstern , welche nach der Piazzetta und nach der Riva hinausgehen , sind Arbeiten Sansovino's . 
Diese Steine sind in der That sprechende Denkmäler und erinnern an alle berühmten Namen Venedigs , der Dogen sowohl wie großer Künstler : Falieri , Morosini , Foscari , Sansovino , Bittoria , Tintoretto , Paul Verouese . 
Der innere Hofraum entspricht der Großartigkeit der Außenseite nicht : dort rennen alle möglichen und ganz ver - schiedenen Style , arabisch und gothisch , Renaissance und Zopf , wirr gegeneinander . Die , nach zwei kolossalen Stand - bilderu des Neptun und Mars , sogenannte Niesentreppe tritt in den viereckigen Hofraum hinaus , gleich einer an die Wand gelehnten Leiter , und führt zu einer offenen Galerie , iu welcher auch die Scala d'oro , die goldene Treppe , ausläuft und vermittelst deren man zu den großen Sälen gelangt . Dort aber findet man einen wahren Schatz von Herrlichkeiten beisammen : Stukkaturen von Vittoria , Ge - mälde von Paul Verouese , antike Marmorwerke , Thüren , Karnieße und Decken von geschnitztem und vergoldetem Cedernholz , Mosaiken von kostbarem Gestein , prächtiges Gegitter , großartige Herde , herrliche Rahmen . Das Alles ist dort beisammen , nicht wie in unseren Sammlungen und Museen , die oft deu Eindruck machen , als wäre man in einem Spital untergegangener Civilisationen ; sondern die Künstler alle haben genau gewußt , was sie wollten , was paßte und ziemlich oder hierher gehörig war , damit ein har - monischer Eindruck aus dem Ganzen hervorquelle . Darum empfindet der Beschauer auch keine Ermüdung ; nirgends ist etwas überladen . 
Solch einen Eindruck des Ruhigen und Harmonischen macht denn auch , bei aller Großartigkeit , der Saal der Ambassadoren mit seinen fünf herrlichen Bildern von Tintoretto und Paul Veronefe und dem herrlichen Herde , der nicht weniger als zehntausend Goldthaler kostete . Scamozzi hat ihn nach Titian's Zeichnungen gearbeitet . Die beide» Säulen aus Verdautik , welche die Eingangsthür zum Rathssaale stützen , sollen , der Sage znfolge , aus Salomou's Tempel herrühren . 
Ein anderer Saal ist von Antonio da Ponte und Compagna unter Paul Verouese's Leitung verziert worden . Dort sieht man noch den Sitz des Dogen mit niedergedrückten Kissen und zu beiden Seiten die Sitze der 
aus Venedig . 
Senatoren . An diesen Saal stößt jener , in welchem der Rath der Fünfhundert sich versammelte ; an dem prachtvollen Plafond haben die größten Maler und Bildhauer gearbeitet . Damals trieb man die Kunst uoch nicht als ein Abstraktes , nicht die Kunst lediglich der Kunst wegen , wie man sich heutzutage ausdrückt , sondern sie sollte einen Zweck haben , sollte geeignete Anwendung finden . Der Künstler spielte nicht deu vornehmen Mann , der manche nützliche Dinge als unter seiner Würde erachtet . Jene großen , nnüber - trosfenen italienischen Künstler gingen in die Werkstätten , in denen Stoffe , Waffen , Juweliersachen , Glaswaaren , Hans - geräthe und dergleichen mehr gearbeitet wurden , gaben guten Rath , vermittelten den Arbeitern das Verständniß der Kunst und überwachten mit lebhaften ! Interesse solche Werke und solche Arbeiter , bei denen es sich der Mühe ver - lohnte . So wirkte ihr Talent ersprießlich auch in weiteren Kreisen , und was hat die Kunst dabei gewonnen ! 
Aus diesem Prachtsaale kommt man anf die Seufzer - brücke . „ Wer sie betrat , ließ jede Hoffnung schwinden ! " Man kann sich keinen schärfern Gegensatz denken . Diese Brücke führte in die Staatsgefängnisse , also— denn das ist gleichbedeutend— in den Tod . Da , wo sie beginnt , liegt auch der Sitzungssaal der Staatsinquisitoren ; eine mit Pol - stern ausgekleidete Thür trennte die Richter von den Henkern . In jenem Zimmer , an welches sich so viele gräßliche und eut - schliche Erinnerungen knüpfen , saßen die drei Männer , in deren Händen das Geschick Aller lag , welche der Republik angehörten . Der Rath der Zehn hielt seine Sitzungen nur bei Nacht ; seiue Mitglieder hatten Masken vor dem Gesicht ; Alles war geheim , die Richter selbst sollten ein - ander nicht kennen . 
Die Seufzerbrücke aber , mit ihren kleinen Fenstern von gegittertem Marmor , erfüllte die Veuetiauer mit größerm Schrecken , als jetzt ein Blutgerüst auf freiem Platze ver - möchte . Manchmal sah man Abends oder in später Nacht , daß rother Lichtschein durch die Fensteröffnungen fiel . Wer diesen Schein des Todes gewahrte , dem zog ein kalter Schauder durch die Glieder und er bebte bis in Mark und Bein hinein . Und wenn eine Barke mit rothem Licht in den engen Kanal hineinfuhr , dann eilte jede andere Gondel rasch von dannen , und keine hätte gewagt , der geheimniß - vollen Barke zu folgen . Verloren , dem Tode geweiht war der Mann , welcher jene Brücke überschritten hatte ; die kleine Pforte unter derselben , kaum über Wasserhöhe , wurde ge - öffnet . Man nahm den Unglücklichen heraus , legte ihn die Leichenbarke und warf ein Bahrtuch über ihn . Noch ein - mal sah er den Himmel , an welchem Sterne blinkten ; er athmete nicht mehr den Moderdunst des feuchten Kerkers , sondern die frische Seeluft ; noch einmal sog er den Blumen - duft aus deu Gärten ein , welchen ein leiser Wind über das Wasser hinfächlte ; er hörte das Plätschern der Wellen , den Schlag der Ruder ; aus der Ferne tönte ein dumpfes Ge - rausch vom Markusplatze zu ihm hinüber , er vernahm den Klang der Geigen oder Mandolinen ; aber allmälig ver - schwand das Alles . Die Todtenbarke mit ihrem rothen Flammenzeichen und ihren maskirten Ruderern snhr lang - sam weiter , über die Giudecea hinaus , in der Richtung nach Poveglia hin in den Kanal Orsano hinein . Dort sind Wasser und Schlamm tief ; dort übergab man das Opfer der Flut . Den Fischern war verboten , in diesem Kanäle Netze auszuwerfen , und die Polizei trug Sorge , daß dem Befehle gehorsamt wurde . Die Todtenbarke hielt bei einem der vielen Pfähle an , welche die Fahrbahn in dieser nassen Wüste bezeichnen . Auf einem dieser Absteckpfähle befindet sich auch heute uoch ein Schrein mit einer Madonna , und dort unterhalten die Gondoliere ein Lämpchen . Vor diesem
	        
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