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E . Förstemann : Neue Mayaforschungen .
Bemerkenswert ist die mehrfach sichtbare Tages - hieroglyphe manik . Nach Herrn Seler stellt sie eine nach oben greifende Hand vor und das bestätigen die Inschriften von Chichen - Itza aufs bestimmteste , da sie die Hand sehr deutlich wiedergeben , sogar mit dem Nagel des Daumens und Zeigefingers ( hoffentlich geben die Abbildungen nicht mehr als die Originale ) . Nun verstehe ich auch das Mayazeichen für den Westen , das ich seit lange nicht mehr wie 1886 für den Osten sehe . Manik mit darunter dargestelltem kin zeigt , wie die Sonne von oben heruntergezogen ist . Umgekehrt bedeutet der Osten , kin mit darüberstehendem ah au , den Beginn der herrschenden Sonne . Ganz ebenso symbolisch ist der Süden durch das Zeichen yax ( Kraft ) mit darüber befindlicher Wage bezeichnet , während der Norden durch den Polarstern ( Gott C ) wiedergegeben wird . Aber was mag es bedeuten , dass der Tag manik auf Tafel 12 oben dreimal mit einer 8 verbunden ist , also als achter Tag der Woche gemeint ? Eine ähnliche Frage entsteht dadurch , dafs wir die Zahl 11 mit dem Zeichen verbunden sehen , welches entweder den Tag cauac oder einen der drei Monate yax , zac und ceh zeichnet , denn in allen vier Fällen ist das förmige Gebilde ( Honig ? ) charakteristisch . Die bindung von 11 ( zac ist der elfte Monat ) mit dieser Hieroglyphe zeigt sich sowohl auf Tafel 12 als auf Tafel 19 . Und merkwürdiger Weise folgt darauf beide Male das Zeichen ahau mit dem ben - ik als Superfix .
Leider scheinen in Chichen - Itza die Stellen ganz zu mangeln , wie sie Maudslay zahlreich aus Copan und Quirigua mitgeteilt hatte ; daher fehlen hier auch die so interessanten genauen Datierungen mittels grofser Zahlen . Ebenso weifs ich auch kein Beispiel der wöhnlichen Kalenderdaten zu finden , die aus je zwei Zahlen und zwei Hieroglyphen bestehen und die nicht blofs in den Handschriften , sondern auch z . B . auf dem Kreuz von Palenque so zahlreich sind .
Wir verlassen hiermit das Werk von Maudslay und wünschen ihm sowohl rüstigen Fortgang als auch eine lebhaftere Benutzung , die ihm bis jetzt noch recht sehr fehlt .
Ich habe nun die Verhandlungen der Berliner pologischen Gesellschaft , und zwar die ordentliche Sitzung vom 21 . December 1895 zu erwähnen . Hier teilt mein Freund Dr . Schellhas wieder , wie schon mehrfach früher , drei Aufsätze unseres gemeinsamen Freundes Dieseldorff in Coban ( Guatemala ) mit : 1 ) Reliefbild aus Chipolem ,
2 ) Cuculcan , 3 ) das Gefäfs von Chama . Alle drei sätze zeigen , wie erfolgreich Herr Dieseldorff weiter forscht und wie erfreulich das ihm zu Gebote stehende Material ( auch an wissenschaftlichen Hülfsmitteln ) wachsen ist . Die schwierige und vielbesprochene Cuculcanfrage , die auch schon im ersten und ebenso im dritten der drei Aufsätze berührt wird , lasse ich hier seite , da ich mich nur ungern auf das mythologische Gebiet wage .
In bezug auf das Gefäfs von Chama haben sowohl Seler als Dieseldorff Einwendungen gegen meinen klärungsversuch gemacht , mit denen sie teilweise Recht haben mögen . Doch ist es immer gefährlich , solche Einzelheiten anzugreifen , wenn man andere Einzelheiten mit Schweigen übergeht , die mit den ersteren zusammen sowohl durch Bild , als durch Schrift den allgemeinen der Darstellung zu Grunde liegenden Gedanken stätigen sollen .
Während ich dies niederschreibe , erhalte ich von Herrn Philipp J . J . Valentini zu New - York die zweite Abteilung seiner Analysis of the pictorial text inscribed on two Palenque tablets , abgedruckt aus den Proceedings
of the American Antiquarian Society , Worcester , Mass . , 1896 . Der Verfasser , den wir schon seit mindestens 1878 als ernsten Forscher auf diesem Gebiete achten , fährt hier fort , die beiden Seiten der Inschrift auf dem sogenannten Kreuzmonument zu besprechen . Aus dem Schatze seiner Kenntnisse , den er besonders durch langen Aufenthalt in den Staaten Mittelamerikas wonnen hat , teilt er hier mannigfache Bemerkungen mit , die gewifs manches - von bleibendem Werte enthalten . Um so mehr mufs man bedauern , dafs er noch immer , entgegen der auf fast allen Mayadenkmälern den Weise , jede Kolumne von oben nach unten für sich allein liest , statt immer zwei Kolumnen zufassen . Dadurch wird natürlich sowohl manche
Einzelheit unrichtig , als auch die Auffassung des Ganzen . Für letztere mufs zunächst das ganze Gerüst dieser Inschrift erkannt werden , welches aus einer zahl von Kalenderdaten besteht , deren Abstände einander in Zahlen angegeben werden . Erst dann können die übrigen Zeichen klarer erkannt werden , durch welche die in diesen Zeitabständen liegenden Vorgänge festgestellt werden müssen .
In den bis hierher erwähnten Schriften sprechen sich die Verfasser mehrfach über die eigentliche Grundfrage aller dieser Studien aus , nämlich über das Verhältniss der beiden hier in Betracht kommenden Kulturen , seits der Azteken ( Nahuas ) und anderseits der Mayas . Herr Dr . Seler nimmt in seinem Aufsatze „ Altertümer aus Guatemala“ S . 24 ein Eindringen von Mayastämmen aus Yukatan nach Süden an , während er S . 46 von einer Einwanderung der Nahuas nach Süden ( bis nach Nicaragua hin ) von Tabasco aus spricht und sogar an eine rung derselben nach Yukatan denkt . Herr Dieseldorff dagegen nimmt S . 774 an , die Mayakunst sei aus sich selbst heraus entstanden und die Brücke , welche zwischen den beiden Kulturen besteht , gebe zu kennen , dafs ein Kulturaustausch stattgefunden hat , bei welchem die Maya - Rasse Geber und die Nahuas pfänger waren . Er ist der Ansicht , dafs grade der klagenswerte Untergang der Mayamacht , ein oder zwei Jahrhunderte vor der Conquista , durch die Nahuas ursacht worden sei . Und auf S . 776 äufsert er , dafs die Nahuas ihre Gottheit Quetzalcoatl von den Tolteken angenommen haben und dafs die Tolteken ein Mayavolk gewesen seien . Herr Valentini endlich spricht sich hin aus , die Mayas seien die Urbevölkerung , die Azteken nur „ mere parasites“ gewesen .
Es wird Zeit , nachdem diese Äufserungen und zählige frühere Besprechungen derselben Verhältnisse liegen , dafs einmal eine zusammenhängende Hypothese über die ganzen Vorgänge aufgestellt wird , eingedenk des alten Satzes , dafs selbst eine sehr mangelhafte Hypothese besser ist als gar keine und dafs jeder schritt einen Ausgangspunkt haben mufs , von welchem aus fortgeschritten werden mufs .
Eine solche Hypothese mufs aber in unserem Falle für folgende Thatsachen eine Erklärung zu bieten suchen :
1 ) die Übereinstimmung und doch Verschiedenheit beider Kulturen ;
2 ) die Altertümlichkeit und Rätselhaftigkeit des her verschwundenen Toltekenvolkes ;
3 ) die völlige Trennung der Huastecas unter dem 22 . Grade nördl . Br . ( zwischen Tampico und S . Louis Potosi ) von allen anderen Mayastämmen und ihre weichungen von diesen ;
4 ) die eben so völlige Trennung der Pipiles ( S . 0 . Guatemala ) und der bis nach Nicaragua vorgeschobenen Posten der Azteken von den übrigen aztekischen Stämmen ;