Volltext: Globus, 72.1897

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J. Heierli: Die ältesten Gräber in der Schweiz. 
Ecken ziemlich genau nach den Himmelsrichtungen 
orientiert sind. 
Bei der Untersuchung des Höhlenbodens fand man 
zu oberst eine schwarze Humusschicht von etwa 5 cm 
Dicke, welche Kalksplitter, neuzeitliche Artefakte und 
Knochen kleiner Nager enthielt. Darunter lag eine 
50 bis 80 cm mächtige Schicht von humusartigem Lehm 
mit gröfseren Kalkbrocken, und zu unterst folgte ein 
rötlichgelber Lehm, der unmittelbar auf dem Gestein 
aufsafs. Die Spuren der Vorzeit fanden sich aus- 
schliefslich in der mittleren Schicht. 
Schon eingangs der Höhle kamen in dieser Kultur 
schicht Scherben, Knochen von Menschen und Tieren, 
links auch ein „Feuersteinmesser“ zum Vorschein. Die 
Scherben gehörten zu Gefäfsen mit ebenem Fufs und 
ohne Verzierung. Eine gröfsere und feinere Scherbe 
zeigte die Form einer Urne, zu welcher ein Henkel 
gehörte. Auch dieses Gefäfs war, wie alle anderen, 
von freier Hand geformt worden. Der Thon war sehr 
schwach gebrannt und wies eingesprengte Quarzkörner 
auf, die bei den roheren Scherben eine bedeutende 
Gröfse erreichten. Da, wo der Eingang in den eigent 
lichen Höhlenraum überging, stiefs man in der Kultur 
schicht auf grofse Steine, welche einen unvollkommenen 
Verschlufs der Höhle vorstellten. Innerhalb desselben 
fanden die Arbeiter rechts und links wieder mensch 
liche Knochenreste, worunter auch Schädelteile. Weiter 
hinten entdeckte man rechts Feuersteinsplitter und 
Tierknochen, welche Spuren von Bearbeitung aufwiesen. 
Einer der Knochen war ahlenartig zugespitzt. Links 
hinten wurde der anstehende Fels blofsgelegt, auf 
welchem Schei’ben, zerbrochene Tier- und Menschen 
knochen gefunden wurden. In des Hintergrundes Mitte 
stiefs man auf eine eigentliche Grabkammer, die erbaut 
war aus losen Steinen, welche nicht nur den Inhalt 
seitlich umgaben, sondern ihn auch bedeckten. Die 
Bichtung des Grabes war West — Ost; seine äufsere 
Länge betrug 1,8 m, die Breite 0,6 m. Als die Deck 
steine weggeräumt waren, fand man den Innenraum 
1,5 m lang und 40 cm breit. Der Inhalt wurde nun 
sorgfältig von der ihn bedeckenden Erde befreit und da 
fand man zwei auf dem Bauche liegende Skelette, deren 
Köpfe im Osten lagen. Die Beine des einen Skelettes 
kreuzten diejenigen des anderen. Es waren zwei 
erwachsene Menschen hier begraben (Mann und Frau?). 
Die Knochen zerfielen beim Herausnehmen. 
Als Beigaben entdeckte man in der Gegend des 
Bauches ein Halsband von Perlen aus einem steinartigen 
Material. Es waren 1 bis 2,5 cm lange Röhrchen, etwa 
30 an der Zahl. Ähnliche Perlen hat man im Steinzeit- 
Pfahlbau Bodmann gefunden. Sie bestehen nach der 
Untersuchung von Dr. Meyer -Eymar aus den Schalen 
der Serpula, des Röhrenwurms. Diese Schalen finden 
sich nun aber nicht in unserer Gegend, wohl aber sind 
sie in Norditalien sehr häufig. Sie werden also als 
importierte Ware aufzufassen sein. Zu diesem Hals 
schmuck gehörte aufserdem ein durchbohrter Eberzahn. 
Es fand sich noch ein anderer Schmuckgegenstand in 
der Höhle im Dachsenbühl, nämlich eine jener roten 
Steinperlen mit zwei Durchbohrungen, wie sie in 
zwei Exemplaren im Pfahlbau Robenhausen zum Vor 
schein kamen. Diese Perle besteht aus rotem Kiesel 
und lag zur Seite eines Skelettes. Mit seinem Schmuck 
versehen, trat der Verstorbene die Reise ins Toten 
reich an: 
„. . . Bringet her die letzten Gaben, 
Stimmt die Totenklag’! 
Alles sei mit ihm begraben, 
Was ihn freuen mag! . . . .“ 
(Schiller.) 
An Werkzeugen lieferte die Grabkammer nur einen 
Knochenmeifsel, der neben dem Schenkel eines der 
Bestatteten lag. 
Auch aufsen an der Grabkammer entdeckte man 
menschliche Spuren: es waren Schädelfragmente, denen 
man deutlich ansah, dafs sie angebi'annt worden waren. 
Was die Tierreste angeht, die in der Höhle zum 
Vorschein kamen, so kommen für uns nur diejenigen 
der mittleren Schicht in Betracht; diese aber weisen 
auf die Steinzeit zurück und zwar in die jüngere, wo die 
wichtigsten unserer Haustiere bereits gezähmt waren. 
Neben Hase, Wildkatze und Edelhirsch fanden sich 
Knochen eines kleinen Hundes und des Schweines: Sus 
scrofa palustris, das in den Pfahlbauten der Steinzeit 
häufig war. 
In Bezug auf die menschlichen Knochen entdeckte 
man neben den Skeletten der Grabkammer noch Reste 
von etwa sechs Menschen, worunter zwei Kinder waren. 
Einige Wirbel bewiesen, dafs die Arthritis deformans 
(Gicht), welche die Gelenke steif macht und den Rücken 
verbiegt, schon den Steinzeitleuten bekannt war. 
Wie hat man sich nun aber jene angebrannten 
Menschenknochen zu erklären? Sind vielleicht die 
Skelette der Grabkammer später beerdigt worden, als 
die anderen Leichen, deren Knochenreste man gefunden, 
und hat man etwa beim Ausheben der Erde behufs 
Errichtung der Kammer menschliche Knochen ausge 
worfen, die dann zufällig in das Feuer gerieten, das den 
Toten zu Ehren angezündet wurde? Gegen diese Auf 
fassung spricht, dafs in Bezug auf das Alter der Funde 
nichts konstatiert wurde, was eine Verschiedenheit 
erkennen liefse, und zudem fehlen die Spuren des 
Brandes in der Höhle. Fand dieser aber aufserhalb 
derselben statt, so ist nicht ersichtlich, wie denn ältere 
Knochen aus der Höhle ausgegraben worden und ins 
Feuer kamen. 
Wenn aber alle Leichen gleichzeitig in den Boden 
der Tlöhle gelangten, so ist es auffallend, dafs nicht alle 
in derselben Weise behandelt sind und vorab die ange 
brannten Knochen! Sie rühren nicht von Leichenbrand 
her, da ja keine ßrandgräber vorliegen, sondern Skelett 
gräber. Auch deutet nichts darauf hin, dafs gleich 
zeitig Leichenbrand und Beerdigung stattgefunden. Die 
Brandspuren sind nur an vereinzelten Knochen beob 
achtet worden, und das läfst sich schwer anders erklären, 
als durch die Annahme, dafs dazumal Anthropophagie, 
Menschenfresserei, die bekanntlich unter den Völkern 
niedriger Kultur weit verbreitet ist, vorkam. Oder 
sollten Sklaven oder Kriegsgefangene zu Ehren des 
Toten verbrannt worden sein? Warum dann die spär 
lichen Brandspuren, und warum nur angebrannt, nicht 
verbrannt? Ist etwa die Höhle doch für ein neues 
Begräbnis ausgeräumt worden und hat man vor der 
Beisetzung ein Totenmahl dort abgehalten, wobei 
Knochen aus einem älteren Grabe ins Feuer gelangten? 
Die unverbrannten menschlichen Knochen ergaben zwei 
Arten der Beerdigung. Mann und Frau in der Grab 
kammer sind sorgfältig beerdigt worden, angethan mit 
ihrem Schmuck, der teilweise aus der Ferne stammte. 
Die übrigen Leichen machen den Eindruck, als seien sie 
hier zum zweiten Male beerdigt. Nirgends fand 
v. Mandach ein Skelett in einiger Vollständigkeit oder 
in regelrechter Lage, sondern an verschiedenen Stellen 
nur immer vereinzelte Knochenreste von Erwachsenen 
und Kindern. Soll diese Verschiedenheit auf Standes 
unterschiede zurückgeführt werden? Dafs bei der Be 
stattung des hochgestellten Paares ein Leichenschmaus 
stattfand, scheinen auch die Tierknochen zu beweisen, 
besonders Hirsch und Schwein. Nach und bei diesem
	        
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