Volltext: Globus, 72.1897

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Aus allen Erdteilen. 
dienste um die Anthropologie erworben. Nachdem er sämt 
liche Schädelsammlungen Hollands und Deutschlands studiert, 
veröffentlichte er seine „Untersuchungen über Bau und 
Wachstum des menschlichen Schädels“ (Leipzig 1862). Er 
schrieb dann über die Wechselbeziehungen zwischen Hirn- 
gröfse und geistiger Begabung und machte aus der Unter 
suchung der Schädel berühmter Männer (Schiller, Dante, 
Bafael) ein besonderes Studium. Die Füfse der Chinesinnen 
untersuchte er auch und ihm verdanken wir (an einer 
Mumie) den Nachweis, dafs die Altägypter bereits vor An 
kunft der Juden im Nillande Beschneidung übten und die 
Juden diese von den Ägyptern annalimen. Diese Arbeiten 
sind meistens im Archiv für Anthropologie veröffentlicht. 
Auch mit Volkskunde beschäftigte sich W. Eine Erucht 
dieser Studien ist sein Buch „Die deutschen Mundarten im 
Liede“ (Leipzig 1875). 
— J. Gr. C. Andersons Keisen in Phrygien 1897. 
Dieser junge englische Archäolog hatte bereits den Herbst 
des vorigen Jahres in Apamea Celaenae am Endpunkte der 
Eisenbahn zugebracht, um sich für seine Beisen vorzubereiten, 
welche der Erforschung Phrygiens galten. Der zwischen 
Griechenland und der Türkei ausgebrochene Krieg schien 
aber weitere Forschungen zu vereiteln, doch begab sich 
Anderson im Frühjahre nach Smyrna, wo er die nötige Unter 
stützung fand und begann sein Werk entlang der Linie der otto- 
manischen Bahn und an der Strafse, die vom Lykos- zum 
Hermosthaie führt. Der Krieg verursachte ihm dabei jedoch 
viele Schwierigkeiten, indem er die nötigen Pferde nicht er 
halten konnte und wiederholt auch unter dem Verdachte, 
Spion zu sein, angehalten wurde. Anderson machte im Mai 
einen Ausflug nach Ulub-Orlu, dem alten Apollonia, wo er 
günstige Aufnahme und auch die nötigen Pferde fand, so 
dafs er von da ab seine Beise mit mehr Erfolg fortsetzen 
konnte. Von Ulub-Orlu wandte sich Anderson nordöstlich 
nach Tatarli, wo man ihn indessen zu steinigen drohte, so 
dafs er schleunig wieder aufbrach und weiter östlich nach 
Karamyk reiste, wo indessen die Feindseligkeit gleich grofs 
war und er sich nach der Hauptstadt des Sandschaks, der be 
kannten Opiumstadt Afiun-Karahissar, flüchtete. Hier stellten 
ihm die Behörden ein Bujuruldu, einen Beisebefehl, aus, der 
ihm den Schutz und die Begleitung von Zapties, Gendarmen, 
gewährleistete. Damit begann Anderson in östlicher und 
südöstlicher Bichtung vordringend die Bereisung von Phrygia 
Paroreios, wo noch viele Fragen der Geographie und Archäo 
logie zu lösen sind. Alles ging gut, bis er Ak-Scheher (das 
alte Philomelion) erreichte, das schon im Vilajet Konia liegt. 
Der Kaimakan verlangte, dafs Anderson sich nach Konia 
begeben müsse; auf dem Wege dorthin, in Ugün, fand der 
Beisende aber wieder einen griechisch sprechenden und ver 
nünftig denkenden Kaimakan, welcher ihm Mitte Juli gestat 
tete, sich nach der Eisenbahn zu begeben, wo er auf der 
Station Gondjeli mit dem österreichischen Forscher Dr. 
Heberdey zusammentraf, aber auch seine Abberufung vorfand. 
Trotz vielfacher Hindernisse ist die Beise recht erfolg 
reich gewesen. Anderson konnte die genaue Lage der alten 
Stadt Trapezopolis im Lykosthale, nordöstlich von Kadi- 
Keui und etwa eine Stunde südöstlich der Eisenbahnstation 
Serai-Keui, feststellen. Ihre Lage am Jebi-Dere auf flachem 
Plateau erläutert den Namen „Tafelstadt“ ; noch sind bedeu 
tende Buinen und eine Wasserleitung vorhanden. Kidramos 
wurde bei Budjak-Keui an den Abhängen des Tschibuk-Dagh 
aufgefunden und für Sanaos das heutige Sari-Kavak als 
Stätte durch eine Inschrift bezeugt. Diniae-Chelidonia 
ist mit grofser Wahrscheinlichkeit bei dem Dorfe Kara-dili 
zu lokalisieren und Kinnaborion auf einem Hügel bei dem 
Tscherkessendorfe Armutli. Östlich von diesem Dorfe, wo die 
grofsen Sümpfe dicht an die Felsenflanken treten, findet sich 
— eine Seltenheit in Kleinasien — eine lateinische Inschrift. 
Zwischen Kotschasch in der Ebene und Ak-Scheher wurden 
zwei alte Städte aufgefunden: Selinda, heute noch Selind, 
und Pisa oder Peisa, jetzt Bissa, wo eine Inschrift auch den alten 
Namen meldet. Es ist von Pissa bei Olub-Orlu verschieden. 
— In der Sektion für Geologie der British Association 
zu Toronto sprach Dr. J. W. Spencer über die kontinentale 
Hebung der Gletscherzeit (The Continental Elevation of 
the Grlacial Epoch). — Schon früher hat Spencer dem Phä 
nomen der untermeerischen Thäler in seiner Arbeit „Becon- 
struction of the Antillean Continent“ Beachtung geschenkt 
und Prof. Hüll hatte die Erscheinung als eine Folge der 
Flufserosion aufgefafst, die ein gutes Merkmal für die Mes 
sung der recenten Hebung der betreffenden Gegend bilde. 
Spencer hatte in der Arbeit eine grofse Zahl unterseeischer 
Thäler beschrieben, die oft von den Mündungen der grofsen 
Flüsse quer durch die submarinen Plateaus hinziehen und sich 
bis zu Tiefen von etwa 3700 m erstrecken. Er legte jetzt Be 
weise dafür vor, dafs ähnliche unter Wasser gesetzte Thäler 
und Amphitheater bis Labrador hin zu finden seien; weiter 
nördlich wären diesbezügliche Untersuchungen noch nicht 
angestellt. Diese submarinen Thäler, die vom amerikanischen 
Kontinent sich ausbreiteten , wären nicht gröfser als viele, 
die auf der Oberfläche des Landes jetzt zu finden seien und 
wären im Besonderen mit den Thälern und Canons zu ver 
gleichen, von denen die Plateaus von Mexiko und der west 
lichen Staaten durchschnitten würden. Bei der Untersuchung 
der Ablagerungen, welche die grofsen Thäler nach Norden 
zu ausfüllen, fand Spencer von Gletschern herrührende An 
häufungen in New-Jersey zwischen der Lafayetteformation 
(dem untersten Horizont, der von den grofsen Thälern er 
reicht wird), die man für Spät-Pliocän hält, und der Kolum- 
biaformation, die dem mittleren Pleistocän zugerechnet wird. 
Aus allen diesen Erwägungen schliefst Spencer, dafs der 
östliche Teil von Nordamerika während der frühen 
pleistocänen Epoche sich mehr als 3025 m hoch 
über der See erhoben hat. Aus dem Auftreten gewisser Ver 
steinerungen und vieler Canons, die sich erst in neuerer Zeit 
in die Bänder des Tafellandes eingeschnitten haben, geht 
anderseits hervor, dafs das Mexikoplateau beinahe bis auf 
Meereshöhe heruntergedrückt war, als sich der östliche Teil 
des Kontinents so hoch gehoben hatte. Mit der Senkung des 
östlichen Teiles des Kontinents stieg der westliche auf 1800 
bis 3000 m an , so dafs die Trennung des Atlantischen und 
Pacifischen Oceans erst der jüngsten Zeitperiode angehört. 
Die Tieflothungen im östlichen Teil des Atlantischen Oceans 
sind leider nicht immer längs der Linien vorgenommen, 
welche die beste Entwickelung der unter Wasser gesetzten 
Thäler aufweisen, aber die Amphitheater und anderen Thal 
bildungen des subcostalen Bandes von Europa zeigen auch 
einige der Phänomene der Hebung, wenn man die charakte 
ristischen Merkmale derselben an der amerikanischen Küste 
kennen gelernt hat. Während eine submarine Verbindung 
zwischen Europa und Grönland besteht, scheint eine solche 
Brücke zwischen Grönland und Amerika zu fehlen. Unter 
diesen Umständen scheint es ausgeschlossen zu sein, dafs die 
Hebung an beiden Seiten des Atlantischen Oceans gleich 
zeitig vor sich gegangen ist. Auf der anderen Seite nimmt 
man an, dafs die Hebung auf den beiden Seiten ähnlich ab 
wechselte , wie zwischen der östlichen Gegend von Amerika 
und Mexiko. Die Theorie eines Antillenrückens wird sehr 
unterstützt durch die damalige Verbreitung gewisser Säuge 
tiere über Nord- und Südamerika, wie dies Prof. Cope gezeigt 
hat. Wenn die physikalischen Erscheinungen richtig ge 
deutet sind, so scheint der Wechsel in der Höhe des Landes 
und der See und die davon abhängigen Abänderungen der 
Strömungen u. s. w. hinreichender Grund für eine Gletscher 
zeit gewesen zu sein, wie es Lyell und viele andere glauben. 
— Die Seefischzüchterei von Floedevig. Um 
die Seefischerei zu heben, und den Klagen der Fischer wegen 
Abnahme der Seefische zu begegnen, hat man, wie bereits 
im „Globus“ (Bd. 69, S. 68) erwähnt, in Schottland bei Dunbar, 
und später auch in Nordamerika regierungsseitig Seefisch- 
züclitereien angelegt. Eine der ältesten und vielleicht be 
deutendsten Einrichtungen dieser Art besitzt Norwegen in 
Floedevig in der Nähe von Bergen und Arendal. Schon 
1866 hatte der bekannte Zoologe O. Sars die Anlage einer 
Seefischzüchterei befürwortet, aber erst 1883, nachdem in 
Amerika wenig verlockende Versuche vorausgegangen waren, 
wurde die Station in Floedevig begründet und hatte Ende 
1885 bereits 34Y 2 Millionen Fischbrut produziert. Sie ist 
gegenwärtig die erste Seefischzüchterei Europas, unter der 
Leitung ihres Begründers G. M. D a n n e v i g. Die ersten 
Versuche wurden im Februar 1884 mit Stockfischeiern be 
gonnen und zwar ergriff eine Privatgesellschaft in Arendal 
die Initiative dazu, —da sich eine gewaltige Herabminderung 
des Stockfischfanges und auch des Fischfangs im allgemeinen 
bemerkbar gemacht hatte. — Im Jahre 1885 züchtete Dan- 
nevig als erster in Floedevig bereits mit Erfolg Hummereier. 
1886 wurden Versuche mit Eiern vom Hering und von Platt 
fischen gemacht, die gut ausfielen. Im Jahre 1889 wurden 
endlich auch staatlicherseits Mittel für die Anstalt bewilligt 
und dieselbe nach neuen Principien ausgebaut. Jetzt liefert 
die Anstalt jährlich im Mittel 300 Millionen Stück Stock 
fischbrut. Während der letzten Periode vom Jahre 1890 bis 
1896 sind 1203 Millionen Fischbrut zum Durchschnittspreise 
von 70 Pfennigen pro 1000 Stück erzeugt worden. Man be 
schränkt sich ausschliefslich auf Stockfischbrut und die Folge 
davon ist eine auffällige Zunahme des Stockfischfanges an 
den Küsten, die mit der Brut besetzt werden. 
Verantwortl. Redakteur: Dr. R. Andree, Braunschweig, Fallersleberthor-Promenade 13.— Druck: Friedr. Vieweg u. Sohn, Braunschweig.
	        
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