Volltext: Zeitschrift des Vereins für Volkskunde, 22.1912

Berichte und Bücheranzeigen . 
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Berthold lauf er , Der Roman einer Tibetischen Königin , Tibetischer Text und Übersetzung . Leipzig , 0 . Harassowitz 1911 . XI , 264 S . Lex . 8 a . Mit 8 Abbildungen . 12 bzw . 13 Mk . 
Laufers neue Arbeit ist nicht nur für Philologen von grösstem Interesse , , sondern verdient es , auch in weiteren Kreisen beachtet zu werden . Da dem geteilten Texte eine nicht nur wissenschaftlich hervorragende , sondern zugleich mutig stilisierte , flüssig zu lesende Übersetzung beigegeben ist , sind tibetische Sprachkenntnisse zum Genüsse des Buches nicht notwendig . Es erschliesst , wie es in der Einleitung heisst , 'eine uns bisher unbekannte Gattung der tibetischen Literatur und eröffnet ein lebendiges Stück alttibetischen Kultur - und Seelenlebens . Wir werden in das Tibet der Tage eingeführt , als der Buddhismus gerade seine Wurzel zu schlagen begann und die ersten Mönche als Vertreter seiner Lehren geweiht wurden . Wir sehen , wie die strengen Vorschriften der neuen Religion einen Konflikt zwischen dem alten Freiheitsgefühl , dem Drang der Persönlichkeit , und der engen Mönchsregel schaffen . Wir sehen eine Königin in sündiger Liebe zu dem geweihten Mönche entbrennen \ind ihre zurückgewiesene Leidenschaft in langem Siechtum büssen , das die Zaubermacht der gekränkten Kirche über sie bringt , und wir sehen auf der anderen Seite einen Heiligen , einen Lama , den Padmasambhava selbst , den Ehebund mit einer Prinzessin , der Tochter jener Königin , schliessen . ' Die Bezeichnung 'Roman' , die höchstens für diesen eben erwähnten Teil der Geschichte gelten kann , ist , wie der Verf . selbst im Vorwort bemerkt , ein Verlegenheitstitel . Es werden ausserdem noch die verschiedensten Dinge in dem Buche erzählt , und zwar handelt es sich , wie teils sicher , teils wahrscheinlich ist , dabei um historische Begebenheiten , nicht um Erfindungen der dichterischen Phantasie , wenn letztere auch bei der Ausschmückung der heiten der Erzählung einen hervorragenden Anteil hat . Von besonderem Interesse ist die Fülle kultur - und religionsgeschichtlicher Einzelheiten , die die Geschichte enthält . Wir finden darin 'das Wesen des Buddhismus als einer Religio» charakterisiert und der Freude über seine religiösen und kulturellen Segnungen Ausdruck verliehen . Es kann somit gar keine Rede davon sein , dass , wie man so einseitig betont hat , nur eine entartete Form des Buddhismus , ein Zauber - und Dämonenkult , nach Tibet gedrungen sei : Hier werden der Erlösungsgedanke und die ethischen Forderungen und Wirkungen der neuen Religion gepriesen , schaften , die ihr so schnell die Welt des Ostens über die Grenzen Indiens hinaus erobert haben . Dämonologie und Zauberwesen herrschten in Tibet auch schon vor dem Buddhismus . Hätte er dort wirklich festen Fuss fassen können , wenn er nichts anderes , nichts höheres zu bieten hatte ? ' Diese Worte des Verfassers in der Einleitung beziehen sich zunächst auf ein Lied , das bei der Einweihung des Klostertempels von Sam - yas vorgetragen wird . Denn auch lyrische Stücke sind in dem eigenartigen , durch Vielseitigkeit des Inhalts ausgezeichneten Werke enthalten , und zwar stellen die mitgeteilten Lieder wahrscheinlich , wie der Verf . hervorhebt , die älteste uns erhaltene tibetische Volkspoesie dar . Von geschichtlichem Interesse ist neben vielem anderen , was wir über die Stellung der Frau in dem Tibet der damaligen Zeit ( 8 . Jahrhundert ) erfahren . 'Freiheit und Selbstbestimmung des Weibes' , heisst es auf S . 21 der Einleitung , 'sind für alle tibetischen Stämme charakteristisch , und die Frau hat grössere Macht , infolge grösserer intellektueller und psychischer Fähigkeiten , als der Mann , der dort als Wesen zweiter Ordnung fungiert' . Das steht in bemerkenswertem Gegensatz zu vielem , was man sonst über orientalisches Wesen zu denken gewohnt ist . Von . den jungen Mönchen , deren besonders einer ( Vairocana ) in dem Buche eine
        

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