Volltext: Zeitschrift des Vereins für Volkskunde, 22.1912

Berichte und Bücheranzeigen . 
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Hermann Brnnnhofer , Die schweizerische Heldensage im Zusammenhang mit der deutschen Götter - und Heldensage . Bern , Fr . Semminger 1911 . XXIV , 400 S . 10 Mk . 
Der Titel des Buches klingt recht stolz und anspruchsvoll , und tatsächlich verkündet auch der Verf . in der Einleitung S . XII mit Selbstgefühl , dass er nach langen Studien endlich dahin gelangt sei , 'von neuen Gesichtspunkten aus , mit neuen Beweismaterialien die Unentlehntheit und bodenwüchsige Echtheit unserer ( d . h . der schweizerischen ) Heldensage über alle Zweifel zu erheben . ' Die in unerhörter Fülle vor dem Leser ausgebreitete Gelehrsamkeit — der Verf . hantiert durchaus nicht ängstlich mit den Sprachen und der Geschichte fast aller europäischen und asiatischen , ja sogar einiger afrikanischer Völker — mag den ahnungslosen Laien verblüffen , in Wirklichkeit ist das Buch ein dilettantisches Machwerk der schlimmsten Sorte . 
In dem ersten Abschnitt wird der Ursprung des Schweizervolkes behandelt ; unter den 'wirklichen Ahnen' werden hier neben den bekannten Völkern u . a . folgende Stämme aufgeführt : Heruler , Friesen , Thüringer , Quaden , Alanen , Jazygen , Bulgaren , Gelinden , Slawen ( Wenden , Karantaner , Schluderer ) . Nur an einigen Beispielen sei hier kurz gezeigt , in welcher Weise diese Behauptungen bewiesen werden . Für die Heruler ist beweisend in erster Linie der Name Courtelary ; urkundlich a . 962 Curtis Alerici ; denn Alarich heisst der Herulerkönig , der von Ermanarich besiegt wird , es war also vermutlich ein Erbname der Könige . Diese Heruler können aber nichts anderes sein als die Harudës desAriovist , die sich nach der grossen Niederlage durch Cäsar in den nahen Jura flüchteten . Ariovist selbst stammt übrigens aus dem fernsten Osten , sein Name ist irano - thrakischer Herkunft und bedeutet 'herrliche Kämpfer habend' . Ariovist nannte sich also König der Germanen mit keinem bessern Recht als sich der grosse Korse Kaiser der Franzosen nannte ( S . 15 ) ! Die Beteiligung der Jazygen wird einzig und allein erwiesen durch den Hinweis auf eine Urkunde des königs Liutprant , der einem Kloster zu Pavia einige Besitzungen in verschiedenen oberitalienischen Ortschaften schenkt ; unter diesen wird u . a . auch Jazigna nannt , das im Tessin gelegen haben müsse . Verf . gibt sich nicht einmal die Mühe , die betr . Stelle im lateinischen Wortlaut hinzusetzen ; von der liegenden Aufgabe eines Philologen einem solchen wohl in mundartlicher Form überlieferten Namen gegenüber scheint er keine Ahnung zu haben . 
Ganz unglaublich ist , was unter den sprachlichen Beweismitteln für den starken slawischen Einschlag im schweizerischen Volkstum beigebracht wird . In den alten 'unsinnigen'Schwurformeln Bocksmarter , Bocksleiden usw . hat sich slaw . bog 'Gott' erhalten ; der baslerische Lällenkönig ist eine Erinnerung an den slawischen Liebesgott Lei usw . Ganz besonders genau versteht sich der Verf . auf die Alanen und ihre Geschichte . Bei Besprechung des alten Namens von Uri ( S . 18f . ) macht ihm die neben Uronia belegte Nebenform Urania nächst Schwierigkeiten ; aber er weiss sie kühnlich zu heben : 'die Form Urania würde sich ungesucht erklären durch den Namen Or ani , eines nach Plinius an der Ostküste des Asowischen Meeres wohnenden Alanenstammes . ' Von diesen Alanen weiss er weiter , dass es höchstwahrscheinlich gotisierte Alanen , Heimdall - verehrer gewesen , die von dem grossen Heere des Radagais abgesprengt wurden . Heimdallverehrer müssen sie gewesen sein , weil Brunnhofer die Sage von Teil auf Heimdali zurückführt . 
Dass nun , nachdem durch den ersten Abschnitt die Grundlage geschaffen worden ist , auch die folgenden Kapitel , die die einzelnen Sagen behandeln , eine
        

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