Volltext: Zeitschrift des Vereins für Volkskunde, 22.1912

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Roclms von Liliencron f . 
Begebenheiten entstandenen Zeitdichtungen , die vom Parteistandpunkte auf das Volk wirkten , zusammenbringen und hatte in den beigegebenen Melodien noch einen besonderen Vorzug vor Uhlands als Muster vorschwebender sammlung . Noch mehr betonte Liliencron den engen Zusammenhang von Wort und Weise in seinem prächtigen Buche 'Deutsches Leben im Volkslied um 1530' , das den fruchtbaren Gedanken durchführte , die Blüteperiode unseres Volksliedes in einem Querschnitte vorzulegen ( 1885 ) . Für das 1907 auf Anregung unseres Kaisers ausgearbeitete 'Volksliederbuch für Männerchor' hat er nicht bloss die Richtlinien aufgestellt , sondern auch eine in ihrer Kürze und Sachlichkeit gezeichnete Einführung geschrieben . Der Musik hat er ja von Kind auf geisterte Verehrung entgegengetragen ; als Student brachte er in Kiel die erste Aufführung von Mendelssohns Antigone zustande , er machte die mittelalterlichen Minneliederweisen zugänglich ( 1855 ) , schrieb eine Geschichte der evangelischen Liturgie ( 1893 ) , verfasste eine neue Chorordnung für die evangelische Kirche ( 1900 ) und organisierte von neuem die Veröffentlichung der 'Denkmäler deutscher Tonkunst' . 
Das Werk jedoch , das ihn am längsten beschäftigte , ist die Allgemeine deutsche Biographie , deren Redaktion er 1875 im Auftrage der Münchner schen Kommission mit Wegele übernahm und bis 1907 fortführte . Nur wenige werden voll ermessen können , welches Mass von Sachkenntnis , Geduld und matischer Geschicklichkeit dazu gehörte , um die in diesen deutschen Ehrensaal aufzunehmenden Unsterblichen und ihre Biographen auszuwählen und den oft stockenden Gang des Werkes wieder in Bewegung zu setzen , während der schwellende Stoff statt der geplanten 25 Bände 55 erforderte . Welche Freude war es ihm daher , dass er den glücklichen Abschluss erleben konnte ! 
Wenn diese Vielseitigkeit nie zu einer Gefahr für seine Gründlichkeit wurde , so lag das zum Teil gewiss an seinem Grundsatze , grosse und würdige Probleme zwar mit aller Anspannung des inneren Sinnes zu durchdenken , mit Kleinigkeiten aber und Tageserscheinungen keine Zeit zu vergeuden . 
Liliencron war ein glücklicher Mann . Sein hochstrebender Geist und seine angeborene Heiterkeit halfen ihm über Hemmnisse und Prüfungen , die ihm nicht erspart blieben , hinweg . Dazu kam der Segen einer 56 Jahre dauernden schen Ehe , aus der zwei Söhne und zwei Töchter hervorgingen . Nach dem Tode seiner aus der in Kopenhagen angesiedelten Hugenottenfamilie Tutein stammenden Gattin Louise litt es ihn nicht mehr in Schleswig , wohin er 1876 als Propst des Johannisklosters gezogen war ; er nahm in Berlin und seit dem Frühjahr 1911 in Coblenz , wohin sein Schwiegersohn versetzt wurde , seinen Wohnsitz . Bis ins höchste Alter blieb seine wunderbare Frische und sein wissenschaftliches Interesse lebendig ; gern liess er sich von dem neuesten Stande der Forschungen berichten , und beglückt war er , als ein Augenleiden soweit gehoben wurde , dass er wieder stundenlang zu lesen vermochte . Unverändert blieb auch trotz der hohen Ehren , mit denen er im Laufe der Zeit überhäuft wurde , seine Schlichtheit und herzgewinnende Güte . Ihn von bedeutenden Persönlichkeiten , die er vor 70 bis 80 Jahren gekannt hatte , aus seiner ungemein treuen Erinnerung heraus erzählen zu hören , war ein erlesener Genuss . Er war vielen ein Segen . Gesegnet sei sein Andenken ! 
Berlin . 
Johannes Bol te .
        

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