Volltext: Zeitschrift des Vereins für Volkskunde, 22.1912

Zur Methode der Trachtenforschung . 
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äussere Übereinstimmung lässt sich , wie wir dargetan haben , stets auf andere Ursachen zurückführen . Ein Fall , in dem man wirklich von konfessionell bedingter Tracht reden kann , ist bereits erwähnt ( S . 153 ) ; es waren kirchliche Anschauungen , die eine Trachtensitte erzeugten , die deshalb auch nur da entstehen konnte , wo diese Anschauungen herrschten . Man kann sich auch , genau genommen , nur sehr schwer vorstellen , in welcher anderen Weise die Eigentümlichkeit einer konfessionellen Glaubensanschauung auf die Ausgestaltung des volkstümlichen Kleidungswesens einen bestimmenden Einfluss sollte haben können . Zwar wird häufig versucht , in einer fessionellen Farbensymbolik eine Erklärung zu finden und Protestanten oder Katholiken , je nach dem tatsächlichen Befund , eine Vorliebe für helle oder dunkle Farben zuzuschreiben . Das erinnert aber leider etwas zu sehr an die spielerisch - geistreiche Art , in der man z . B . aus der Hausform einen Rückschluss auf den Charakter der Erbauer und Bewohner glaubt ziehen zu können . Das sogenannte niedersächsische Haus , breit und wuchtig1 hing - elagert mit kleinen , niedrigen Fenstern , die alle nach der 
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Rückseite des Hauses liegen , ward auf diese Weise zu einem Sinnbild des schwerfälligen , in sich gekehrten , trotzigen Wesens des niederdeutschen Volksstammes . Und in dem hohen , luftigen , weissgetünchten 'fränkischen' Haus mit seinen zahlreichen Fenstern , aus denen man die Strasse blicken kann , und dem lustigen , bewegten Linienspiel seines werkes sah man den weltoffenen , lebenslustigen , leichtbeweglichen Sinn der rheinfränkischen Bevölkerung verkörpert . Gewiss kann man auch solche Gedanken einmal aussprechen ; sie regen sich vielleicht unbewusst in dem Gebildeten , der alles Konkrete gern als eine sichtbare Darstellung abstrakter Begriffe auffasst ; sie mögen auch ganz gut die Sache treffen . Aber man darf doch nie vergessen , dass sie vom Beschauer in den Gegenstand getragen und besten Falles ein gutes Anschauungsmittel sind , niemals aber dazu dienen können , um Erscheinungen des Volkstums in ihrer Entstehung und Entwicklung zu erklären , die in allerlei natürlichen und lichen Verhältnissen eine viel realere Wurzel haben . Die konfessionelle Farbensymbolik aber wird durch ihre eigenen Ergebnisse ins Unrecht gesetzt . Denn während man sie in einer Gegend dazu benutzt , um die helleren Farben der 'protestantischen' Tracht aus dem individualistischen Charakter des Protestantismus zu erklären und in der dunkleren Kleidung der Katholiken ein Sinnbild des stets um sein heil besorgten , autoritätsbedürftigen , klösterlich - weitabgewandten zismus zu sehen , nötigt die Volkstracht einer anderen Gegend , diese Charakteristik ins Gegenteil zu verkehren : da hat der Protestant die düstere , kalvinisch - strenge Lebensauffassung , denn er liebt dunklere Farben , und es ist jetzt der weltfrohe Katholik , der an hellen Farben in der Kleidung keinen Anstoss nimmt . Die Wertlosigkeit solcher folgerungen ergibt sich von selbst .
        

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