Volltext: Zeitschrift des Vereins für Volkskunde, 22.1912

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3 . Die Heilkraft des Taues . 
1 . Im Volke herrscht der Glaube , dass Iman durch Benetzen mit Tau viele Krankheiten heilen kann . Einst wollte ein Jude das auch bei seinem blinden Pferde versuchen . Er ging frühmorgens mit dem Pferde auf das Feld und netzte ihm die Augen mit dem Tau ; dann ging er stillschweigend wieder nach Hause . Als er dann später nachsehen wollte , ob das Pferd sehend geworden sei , bemerkte er zu seinem Entsetzen , dass das Pferd gar keine Augen und auch keinen Schwanz hatte . Die Leute , die das hörten , deuteten das als eine Strafe für den Missbrauch des Taues1 ) . 
2 . Dem Tau schreibt man eine gewisse Heilkraft zu . In einem Dorfe wohnte ein kranker Mann . Er war stets sehr unruhig und nervös und litt ausserdem an Rheumatismus . Er befragte die Ärzte und nahm viel Medizin ein , aber nichts wollte ihm helfen . Da griff er zuletzt zu einem andern Mittel : er stand jeden Morgen bei Sonnenaufgang auf und ging , gewöhnlich barfuss , in Gottes freier Natur umher . Besonders ging er auf die Wiesen , wo viel Tau lag . Das tat er einen ganzen Sommer hindurch , und er wurde wirklich gesund . Die Leute im Dorf aber glaubten jetzt erst recht , dass der Tau Heilkraft besitze2 ) . 
o . Ein Knecht hatte Hautabschälungen an den Beinen . Er ging zu einer klugen Frau , um sie nach einem Mittel dagegen zu fragen . Die Frau sagte ihm , er müsse früh am Morgen nackt auf der 'rosa' herumlaufen , und zwar in form und mit geschlossenen Augen . Der Knecht tat , wie ihm geraten war ; doch kaum hatte er einige Schritte gemacht , als er ganz matt wurde . Er konnte die Augen nicht aufmachen und fiel schliesslich in Ohnmacht . Ein andrer Knecht , der auf dem Felde mähen wollte , sah ihn liegen . Er brachte ihn wieder zum Leben und führte ihn nach Hause . Unterwegs erzählte dann der Kranke , ihm habe geträumt , dass er gegen die 'rosa' gesündigt habe , indem er sie mit kranken Füssen betrat . Die 'rosa' kann heilen , wen sie will , wenn der Betreffende vorher einen Spruch sagt . Den aber hatte die Frau dem Knechte mitzuteilen vergessen , und daher war das Übel gekommen3 ) . 
4 . Brandwunden werden durch Tau geheilt1 ) . 
Eine Frau aus Lechlin - Heuland , die sich auf das Besprechen von verfangenem Vieh wohl verstand , hatte einmal auch ein brennendes Bauernhaus besprochen ; 
1 ) Polnische Mitteilung aus Schrimm , Kreis Birnbaum . In demselben Dorfe hat man . die Redensart : Siepi widza lepi jak inni , d . i . Blinde sehen schlechter als andre . Sie soll daher kommen , dass ein blinder Bettler einmal erzählt hat , wie er in der Vigilie von St . Johannes in der Nacht auf das Feld gegangen sei , um sich die Augen mit Tau zu waschen . Nun darf bei diesem Vorgänge kein Wort gesprochen werden ; der Bettler war aber , nachdem er sich gewaschen , durch einen über den Weg laufenden Hasen erschreckt worden und hatte die Worte gerufen : 'Jesus Maria ! ' Und deshalb war er wieder blind geworden . 
2 ) Aus Polajewo , polnische Quelle . A . John , Sitte im deutschen Westböhmen S . 241 : Am Ostersonntag wälzen sich manche vor Sonnenaufgang im Wiesentau . Aus Brudzyn teilt mir Herr Lehrer A . Szulczewski mit : Am Pfingstmorgen vor Sonnenaufgang soll man sich nackt auf den Mohrrübenfeldern herumwälzen ; diese Mohrrüben werden alsdann züglich geraten . Das ist offenbar eine Erinnerung an das Sichwälzen im Pfingsttau . 
3 ) Mitteilung aus Zirke . Der Erzähler fasste die 'rosa' ( den Tau ) als ein liches Wesen . 
4 ) Erzählt von einem deutschen Arbeiter in Rogasen . Auch sonst werden derartige Heilmittel durch einen Traum offenbart , vgl . meine Volkssagen aus Hinterpommern 1885 S . t ) 2 ; Rogasener Familienblatt 10 , 4 .
        

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