Volltext: Zeitschrift des Vereins für Volkskunde, 10.1900

Goethe und die deutsche Volkskunde . 
Von Dr . R . M . Meyer . 
Vortrag , gehalten im Berliner Verein für Volkskunde am 27 . Oktober 1899 . 
In einem Aufsatz über „ Die Anfänge der deutschen Volkskunde " ( Zeitschrift für Kulturgeschichte , 1895 , S . 135 f . ) habe ich mich ( S . 161 ) über Goethes Stellung zu dieser Wissenschaft — denn dafür halte ich die Volkskunde trotz Kossinna ( Ztschr . d . Ver . f . Volkskunde , 1896 , S . 188 ) — im allgemeinen ausgesprochen . Ich hob hervor , dass die Flugschrift „ Von deutscher Art und Kunst " die Namen der drei Erwecker und Befreier vereint , denen das neue Interesse am deutschen Volksleben seine Neu - belebung verdankt : Justus Moser , Herder und Goethe . Ich fuhr fort : „ Goethe zwar hat direkt nur wenig für Folklore gewirkt , wenn er auch Volkslieder sammelte und noch im Alter das Leben der Spinner in der Schweiz mit Anteil beschrieb . Aber indem er allem geistigen Leben Deutschlands einen neuen Gehalt gab , hob er die ganze Pflege deutschen Volkstums auf eine höhere Stufe . Der „ Götz " und die Hans Sachs - Gedichte haben dadurch der Romantik vorgearbeitet , die nun Mosers Hinweise auf das Volksleben und Herders Aufrufe für das Volkslied aufnahm . " Aber wenn diese Sätze auch vielleicht die Stelle , die Goethe in der Entwicklung einer Wissenschaft vom deutschen Volkstum einnimmt , nicht unzutreffend bezeichnen , werden sie doch der Stelle nicht gerecht , die diese Interessen in seiner eigenen Entwickelung einnehmen . Diese soll im folgenden ihren Hauptzügen nach geprüft werden . 
Goethe wuchs unter Verhältnissen auf , die sein Auge für die heiten des Volkslebens und der Volksart schärfen mussten . Die stadt fühlte sicli als etwas Besonderes und hielt besonders streng auf alle Bräuche ; der wichtigste von allen , eine Kaiserkrönung , fiel in seine Jugend . Die Familien Textor und Goethe waren im sozialen Rang geschieden : jene gehörte ( wie neuerdings Heuer in der Festschrift des Freien Deutschen Hochstifts betont hat ) dem städtischen Patriziat , diese nur den „ guten Familien " an : ein Grund mehr , das Ceremoniell sorglichst zu beobachten . Der Knabe schweift umher und beobachtet das Markt - und Strassenleben , wird auf die Eigenart der Katholiken aufmerksam , kommt ins Judenviertel . 
Zcitschr . d . Vereins f . Volkskunde . 1900 . . 1
        

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