Volltext: Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft, 19.1889

Beurteilungen . 
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" besondere Systematik " jeder Theorie „ organisch denken . " Daher macht aber seine Darlegung nur den Eindruck einer Sammlung , die in einige große Fächer verteilt ist , aus welcher jedoch ein klares Bild von dem heutigen Stand des Problems und von der Entwicklung desselben zu diesem Stande nur schwer zu gewinnen ist . Darum erscheint auch am Schlüsse des Verfassers eigene Ansicht nicht als das notwendige Ergebnis der in der Geschichte liegenden Kritik ; sondern er verfährt eklektisch . Am meisten will er sich Kant anschließen . Herder findet wenig Gnade vor seinem Blick . 
In letzterem Punkte bin ich andrer Ansicht , befinde mich aber allerdings damit in Gegensatz nicht nur zum Verfasser , sondern fast zu allen Ästhetikern dieses hunderts . Ich meine , vom Erhabenen hatte Herder1 ein viel besseres Verständnis als Kant und die meisten Aesthe - tiker . Er sagt ( beim Verfasser Seite 16 ) : „ Verwirrung der Begriffe ist's , wenn man das Erhabene in Nacht und Nebel , in Höhlen und Tiefen , in Grauendem und barem , gar im Formlosen sucht . " Hiermit , meine ich , „ packt er Kant recht entschieden . " Denn wenn „ Kant vorzüglich eine detaillirte Psychologie des Prozesses bei erhabenen Wirkungen gibt " , so muss dieselbe notwendig ihre Fehler haben , wenn sie der Analyse eine falsche Tatsache unterlegt . Das Unlust - Gefühl , die Formlosigkeit , die Nähe zum Hässlichen , das Dunkel , was man alles im Erhabenen finden wollte , ist alles eingebildet . Der Orkan , die Lawinen , Erdbeben , das aufgeregte Meer , Wasserfälle , cyklopische überhängende Felsenmassen , tiefe Schlünde , vulkanische Ausbrüche , das Chaos — wer dies erhaben 
i Ueberhaupt , ist es ein Irrtum , zu meinen , Herder sei von Kant völlig zunichte erdrückt . Wer dies meint , wird auch niemals begreifen , wie Schelling Hegel und Herbart so sehr von Kant gehen konnten ; dem ist die Geschichte der deutschen Philosophie seit Kant eine Abnormität .
	        
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