Volltext: Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft, 11.1880

Genie und Talent . 
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potenzirte hellfarbige Erinnerung . — Aehnlich gesinnt dichtete Schiller . 
Alles wiederholt sich nur im Leben , 
Ewig jung ist nur die Phantasie . 
Was sich nie und nirgend hat begeben . 
Das allein veraltet nie . 
Recht verstanden trifft diese Auffassung im Wesentlichen gewiss das Richtige , nur bedarf sie einer geringen kung ihrer leicht misverständlichen Allgemeinheit . Die linien der wiederholenden und der schaffenden Phantasie sind in der Menschenseele so scharf nicht gezogen , dass es leicht möglich wäre , die Gebilde diesseits und jenseits scharf von einander zu sondern . Auch die Schöpfung des Genies ist keine völlige Neuschöpfung , und auch das Werk des Talentes geht über die Grenzen bloßer Wiederholung etwas hinaus . 
Auch die Phantasie des Genialsten schöpft aus dem Gesehenen und Erlebten . So wenig der blinde Mensch im Stande ist eine Farbe zu erfinden , die er niemals sah , so wenig ist der phantasiebegabte Mensch im Stande , ein bilde zu schaffen , dessen einzelne Eestandteile nicht zuvor schon Besitz seiner inneren oder äußeren Erfahrung waren . Der bildende Künstler braucht Modelle als Anhalt für seine gestaltende Phantasie , braucht Menschen , die er sieht , um sie zu malen und zu meißeln , der Dichter braucht Erlebnisse des eigenen Innern , oder Miterlebnisse in der Seele Anderer , um lebendig zu schildern . Das Neue , was das Genie schafft , liegt nicht in den Elementen , sondern in der ideellen tümlichen Verbindung . 
»Das größte Genie — hat einmal Goethe auf anlassung von Aeußerungen einiger französischen Journalisten gesagt — wird niemals etwTas wert sein , wenn es sich auf seine eigenen Hülfsmittel beschränken will . Was ist denn Genie anders als die Fähigkeit , Alles , was uns berührt , zu ergreifen und zu verwenden ; allen Stoff , der sich darbietet , zu ordnen und zu beleben ; hier Marmor und dort Erz zu nehmen und daraus ein dauerndes Monument zu bauen ? . . .
        

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