Volltext: Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft, 11.1880

Die ethische Idee der Vollkommenheit . 
201 
b ) Der Charakter . 
Wir gehen nun einen Schritt weiter . Nimmt die sittliche Macht die natürlichen Kräfte in ihren Dienst : so gerät sie damit in quantitative Verhältnisse . Dies geschieht in doppelter Gestalt : es kommt nämlich sowohl das Maß der keit der Kraft , als auch die Masse und Stärke der dienenden Kräfte in Betracht . Ersteres , der Grad des Gehorsams , ist die ganz eigentliche ethische Mechanik , und über ihr ethisches Wesen bedarf es weiter keines Wortes . Um aber auch das einzusehen , wie tatsächlich größere Kraft oder mehr Kräfte ethisch wertvoll sein können , wollen wir zuerst einen Blick auf die Künste werfen . 
Was ist es , was den Reisenden beim Anblick der miden ergreift ? Würden etwa hundert Pyramiden , die an Masse der einen großen gleichkämen , dieselbe Wirkung erzielen ? Hier scheint fast ausschließlich die Größe , und zwar nur die ungeteilte Größe , zu wirken . Indessen ein unregelmäßiger Hügel von gleicher Masse würde unfehlbar nicht denselben Eindruck machen . Es wirkt also die mäßigkeit und die Proportion der Linien mit . Also diese qualitativen Bestimmungen mit solcher Größe bedingen die Wirkung ; diese ist das Erzeugnis beider Factoren . 
Dergleichen ist freilich nur in der äußerlichsten Kunst möglich , in der Baukunst . Es gibt aber auch in den andern Künsten Fälle , wo das bare Quantum unsere Schätzung bestimmt . Man kann unmöglich die Anzahl der Stücke Shakespeare's , Calderon's und Lope de Vega's , Sophokles' , Hans Sachs' für gleichgültig halten , wenn es sich um die Schätzung des dichterischen Wertes dieser Dichter handelt . Eben so wenig oder noch viel weniger ist es gleichgültig und unwesentlich , dass die Römer ein goldenes Zeitalter ihrer Dichtung hatten , welches nicht länger als ein Menschen - Alter währte ; wogegen die Griechen durch ein halbes tausend , von Homer bis auf Euripides und Aristophanes classische Dichtungen hervorbrachten . 
Ganz analog würden wir auf dem ethischen Boden , wenn zwei in ihren Vermögens - Verhältnissen gleichgestellte
	        
Waiting...

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.