Ethnographische und historische Zugänge zu Samenbanken und Samenspendern
studiengang Europäische Ethnologie der
Humboldt-Universität zu Berlin und ich
ın den Jahren 2007 und 2008 über drei Se-
nester versucht haben, in einer Mischung
von historischen und ethnographischen
Zugängen dem Bedeutungswandel auf die
Spur zu kommen, der sich im Umfeld von
5amenbanken und in den Praktiken ihrer
Akteure in Bezug auf Zeugungsvorstel-
lungen, Infertilität, Männlichkeiten, hete-
ronormatives Verwandtschaftswissen und
gleichgeschlechtliche Verwandtschafts-
praktiken vollzieht. Ziel dieser Einleitung
ist es, unsere Antworten auf die Frage
nach der kulturanalytischen Perspekti-
ve auf Samenbanken und Samenspender
zu konkretisieren und das ethnologische
Interesse an dieser einerseits biomedizi-
nischen, andererseits kommerziellen In-
stitution und ihren Protagonistinnen und
Protagonisten zu klären.
Die Einleitung konkretisiert im Folgen-
den die Forschungsinteressen und Frage-
stellungen, die uns in unserem Studien-
arojekt zu Männlichkeitskonstruktionen
ım Umfeld von Samenbanken orientiert
haben. Ich skizziere kurz, welche Er-
wenntnisinteressen die Kultur- und So-
zialanthropologie neuer oder assistieren-
der Reproduktionstechnologien bislang
verfolgt hat und welche Fragestellungen
sich vor diesem Hintergrund für die bis-
ang unteruntersuchte Institution „Sa-
menbank“ und ihre wichtigsten Akteurs-
gruppen — Samenspender, reproduktions-
medizinische Professionen und Nutzerin-
nen — entwickeln lassen. Für das gesamte
Feld der Ethnographie neuer Reproduk-
tionstechnologien gilt, dass Männer und
Aspekte der kulturellen Reproduktion
oder Reformulierung von Männlichkei-
ten von der ethnologischen Forschung bis
heute weitgehend vernachlässigt worden
sind. Im Falle von Samenbanken, die me-
dizintechnisch veränderte Biomaterialien
verkaufen, mit denen soziale Beziehun-
gen gestiftet werden sollen, fällt dieser
Mangel an Aufmerksamkeit für Aspekte
männlicher Infertilität und die Erfahrun-
gen und Deutungspraxen von weitgehend
anonymisierten Samenspendern beson-
ders ins Auge. Die Einleitung begründet
außerdem, warum die gegenwartsbezoge-
ne Ethnographie von Samenbanken und
ihren Spendern nicht ohne ein Verständ-
nis ıhrer historischen Genese auskommt
und gibt einen Überblick über die aus der
gemeinsamen Arbeit entstandenen Text-
beiträge.
Normalisierung, Kommodifizie-
rung, Reziprozität: Theoretische
Zugänge der Ethnographie von
Reproduktionstechnologien
Die Kultur- und Sozialanthropologie hat
immer darauf bestanden, dass die Art und
Weise, wie eine Gesellschaft Fortpflan-
zung konzipiert und praktiziert, etwas
damit zu tun hat, wie sie ihren eigenen
Ursprung kosmologisch, religiös oder
wissenschaftlich herleitet und dass beides
- Wissen über die Herkunft der Menschen
einerseits und Wissen und Imaginationen
über sowie Praktiken der Fortpflanzung
andererseits — in einem engen Rückkop-
pelungsverhältnis zu den sozialen Or-
ganisationsformen dieser Gesellschaft
steht. Es ist deshalb nicht verwunderlich,
dass technologische und medizinische
Eingriffe in den Fortpflanzungsprozess,
vor allem die sogenannten „neuen“ oder
„assıstierenden“ Reproduktionstech-
nologien® — In-vitro-Fertilisation (IVF),
Intrazytoplasmatische Spermainjektion
'ICSI), Intrauterine Insemination (IUT),
technologisch unterstütze Leihmutter-
schaft, Eizellspende und Prä-Implemen-
tationsdiagnostik (PID) — bereits in einer
ganzen Reihe ethnographischer Fallstudi-
en untersucht worden sind.’ Seit der Ge-