Mit besonderer Herüebsiebtigung der Ethnologie, der Kulturberhältnrsse
und des Welthandels.
Begründet von Karl Andree.
In Verbindung mit Fachmännern herausgegeben von
Dr. Emil Deckert.
B r a u n s ch w e i c\
Jährlich 2 Bände in 24 Nummern. Durch alíe Buchhandlungen und Postanstalten
zum Preise von 12 Mark pro Band zu beziehen.
1889.
Die hauptsächlichsten Küstenplätze des Galla- nnd Somali-Landes.
Von Dr. Emil Deckert.
(Mit sechs Abbildn n ge n.)
Seit Deutschland das Protektorat über Witu-Land über
nommen hat, kann ihm die Natur des großen afrikanischen
Osthornes, das zwischen dem Golse von Aden und dem
offenen Indischen Ozeane gegen Osten hinaus ragt, nicht
mehr gleichgültig sein, und ebensowenig können es auch die
Völkcrstämme der Gallas und Somalis sein, die dieses Land
bewohnen. In der einen oder anderen Weise wird Deutschland
diesem Lande und diesen Völkerstämmen näher treten müssen,
wenn es den Kolonialbesitz, den es an dieser Stelle erworben
hat, in einem höheren Grade fruchtbar machen will. Mag das
Land immerhin in seinem Innern noch gänzlich unerforscht
sein, mögen kühne Reisende wie K. von der Decken, die den
Versuch machten, seine geographischen Geheimnisse zu ent
schleiern, immerhin den christen- und europäerfeindlichen
Bewohnern zum Opfer gefallen sein, und mögen seine Ufer-
berge noch so düster und kahl hinaus blicken auf die Wellen
des Indischen Ozeans — eine gewisse Kulturkraft und ge
wisse wirthschaftliche Hilfsquellen wohnen dem Lande doch
inne, und die europäische Nation, welche mit Umsicht und
Vorsicht, aber zugleich auch mit Energie und Ausdauer
daran geht, sich seine secscitigen Zugänge zu öffnen, wird
sich aller Wahrscheinlichkeit nach bald davon überzeugen
können, daß das Land bei weitem nicht so schlecht ist wie
sein Ruf. Es ist dies mit anderen Ländern, die das euro
päische Kolonisationsbcdürsniß sich Unterthan gemacht hat,
auch nicht anders gegangen. Man denke nur an Neu-
Holland, an den kanadischen Nordwesten, an Sibirien rc.
Und erzählen nicht an der Küste des Galla- und Somali-
Landes eine ganze Anzahl von Städten durch ihre Bau
denkmäler, daß sie in der Zeit der arabischen und ägyp-
Globus LV. Nr. 12.
tischen Khalifen, sowie in der Zeit der portugiesischen
Weltherrschaft zur See in viel höherer Blüthe gestanden
haben als heutzutage! Kann dies aber anders der Fall
gewesen sein als dadurch, daß das Land damals einen viel
höheren Betrag an Erzeugnissen für den Welthandel lieferte!
Daß ein Geltendmachen deutscher wirthschaftlicher In
teressen an dem Lande Anstrengungen kosten wird, verhehlen
wir uns bei dieser Erwägung freilich nicht, daß diese An
strengungen jemals so große zu werden brauchen, wie an
der Küste gegenüber Zansibar, bezweifeln wir aber.' Abge
sehen davon, daß man durch Schaden klüger zu werden
pflegt, so liegen ja auch die gesammtew geographischen und
ethnologischen sowie auch die Politischen Verhältnisse nördlich
von der Mündung des Tana-Flusses ganz anders als
südlich davon, und in mehrfacher Beziehung ohne Zweifel
kulturgeographisch viel günstiger.
Es handelt sich bei der in Frage stehenden Küstenstrecke
um den Steilrand einer großen Tafel ans Sandstein und
Kalkstein, die gegen den Indischen Ozean sowie gegen den Golf
von Aden plötzlich abbricht H, und dieser Steigernd erhebt sich
nordwärts höher und höher, bis er in dem Kap Guardafui
— beziehungsweise in dem Ras Shcnarif — als gewaltige
ü An der Steilwand des Kap Guardafui (bezw. des Ras
Shenaris) ist die ungestörte horizontale Schichtung des Gesteins
durch die weißen Kalksteinstreifen deutlich sichtbar. Vergl. „Annalen
der Hydrographie", 1886, S. 395. — Eduard Süß sagt: „Wir
erkennen somit im Golf von Aden einen Einbruch, welcher die
zusammenhängende Tafel unterbrach, und Arabien wie das
Somali-Land erscheinen als die Fortsetzungen der großen nord-
afrikanischen Wüstentafel." (Vergl. „Das Antlitz der Erde",
Bd. I, S. 474.)
23