freie Anzahl von Silben zwischen den Hebungen. So wechselt die Bal-
lade oft zwischen einem schweren, lastenden und einem leichten, drän-
genden Rhythmus, der ihr gegenüber der strengen Silbenzählung eine
große Lebendigkeit verleiht. Auch der in allen Balladen durchgeführte
Endreim hat sich große Freiheiten bewahrt. Es genügt bloße Assonanz,
wie in den Wörtern lag : stand, oder auch identischer Reim, bei dem
die Reimwörter den gleichen Wortlaut und Sinn haben.
Die vielen Wiederholungen einzelner Verse, die stereotype Verwen-
dung bestimmter Ausdrücke und die Nachstellung des Adjektivs, ge-
hören ebenso zum echten Volksliedton. Die Lieder haben Jahrhunderte
einer mündlichen Tradition erlebt, in denen sie gesungen und umge-
staltet wurden. Ihre Form war nie abgeschlossen, begabte und unbe-
gabte Dichter haben sie verändert, und auch unter den Schöpfern der
Balladen gab es nur einige begnadete, die Werke schaffen konnten, die
sich zu den Höhen echter Kunst erheben.
Die meisten Balladen, die sich nach ihrem Inhalt in verschiedene, im
Text näher besprochene Gruppen einteilen lassen, besitzen alle nordi-
schen Völker gemeinsam. Nur schwer läßt sich ihr Weg von dem einen
Land zu dem anderen bestimmen. Dänemark, das die engste Berüh-
rung mit der kontinentalen Ritterdichtung hatte, ist wohl das gebende
Land für die Ritterballaden und die historischen Balladen gewesen, wäh-
rend in Norwegen die Heldenballade ihre Heimat hat. In Schweden, das
im wesentlichen seine Balladen aus den anderen nordischen Ländern
empfing, bilden die legendarischen Balladen, die zu den großen Volks-
festen gesungen wurden, und die Brautraubballaden einen originalen
Beitrag.
Doch die Balladen verbreiteten sich bald über ganz Skandinavien,
auch auf Island, den Fär-Öern und in dem schwedischen Finnland wur-
den sie gesungen. Sie sind zu einem gemeinsamen Gut des Nordens ge-
worden, einem Schatz von Hunderten von Liedern, die uns das nordi-
sche Mittelalter geschenkt und ein bewahrender Volksgeist übermittelt
hat.
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