Das ländliche Hausgewerbe
55
dieser Arbeitsgeräte von einem ehedem vorhanden, aber gegenwärtig ver-
lorenen Geschmacks- und Schönheitssinn zeugten. Obwohl noch weitere
Mängel - zum Beispiel in Hinsicht der Zulieferung von Maschinengarnen —
offenkundig waren, hielt man - allerdings keineswegs unbestritten — noch zu
Ende der sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts die Hausweberei für verbes-
serungswürdig, weil es sich um eine alteingebürgerte Beschäftigung handel-
te. Als zukunftsträchtiger jedoch galt es, für das Flechten von Körben und
das Beschnitzen von Holz, also für jene über die Jahrzehnte hin propagier-
ten Beschäftigungen, zu werben. Scheinbar ließ sich auf diese Weise das Ziel
verfolgen, der Bevölkerung eine stabile, durch die Ausbreitung des Maschi-
nenwesens wenig gefährdete Arbeit zu vermitteln, während andererseits be-
wußt war, daß angesichts wechselnder Marktverhältnisse die Sicherung der
Landwirtschaft einen hohen Stellenwert haben mußte. In einer komplexen
Situation versiumten es die Fachleute aus Ökonomie und Technik nicht, die
Rahmenbedingungen in ihre Überlegungen einzubeziehen. Für die Rhön
schien es besonders wichtig, die Anbindung an das Verkehrsnetz durch die
Einrichtung von Straßen und Eisenbahnlinien voranzutreiben.
Allerdings ließen sich auch durch ein breiteres Spektrum begleitender
und stützender Maßnahmen die Schwierigkeiten kaum beseitigen. Häufig
blieb der Verdienst der Hersteller sehr klein, weil der Rohstoff durch die
Bearbeitung in seinem Werte nur geringfügig gesteigert wurde, zumal auch
Händler und aufgrund einer zersplitterten Absatzweise selbst Zwi-
schenhändler an den bescheidenen Gegenständen verdienen wollten. Und
manchmal machten sich die Kleinproduzenten in der Rhön mit geringen
Mengen ihrer Erzeugnisse auf den Weg, um diese hausierend zu vertreiben.
Nicht ganz von ungefähr sprachen kritische, aber wohlmeinende Beobach-
ter aus ihrer Perspektive von der fehlenden »rationellen Kultur«.
Häufiger mußten die Gewerbevereine, die sich mühten, der Landbevöl-
kerung existenzsichernde Tätigkeiten zukommen zu lassen, auch den Ver-
trieb der Produkte organisieren und über mancher Veranstaltung, die die-
sem Zweck diente, lag der Hauch des Wohltätigkeitbasars. Wie bezeichnend
ist es doch, wenn Gewerbevereine an Handelsleute appellieren, daß sie die
Ware der Hausindustriellen abnehmen mögen und dabei darauf verwiesen,
wie ungleich freundlicher sich die Verhältnisse auf den Dörfern gestalteten,
wie die Bettelei verschwand, seitdem eine gewerbliche Beschäftigung er-
lernt worden war. Gelegentlich tritt der ohnehin auf die Wohltätigkeit fest-
gelegte Pfarrer oder Pfarrverweser als der geeignete Vermittler zwischen
Produktion und Handel auf2?.
29 RössLEr: Zur Beachtung für solche, welche mit wollener Häkelware handeln. In: Gewerbe-
blatt für das Großherzogthum Hessen Jg. 1853, 5. 16.