Digitalisate

Hier finden Sie digitalisierte Ausgaben ethnologischer Zeitschriften und Monografien. Informationen zum Digitalisierungsprojekt finden Sie [hier].

Suchen in

Volltext: Volkskundliche Streifzüge

7 
den Ausdruck „Spiel“! In der Tat haftet dem Märchen 
etwas Spielendes an. Es besitzt nicht den Ernst, der 
den Grundton der meisten Sagen abgibt. Etwas Tän- 
delndes, eine leichtere Lebensanschauung, ófter ein 
Verzicht auf das gerechte Abwágen von Gut und Bóse 
wohnt ihm inne. Es ist, wie schon die Brüder Grimm 
hervorhoben, poetischer als die Sage.  Geistreicher 
und abwechselnder hat man es genannt. Die Sage 
zeigt mehr dramatischen Charakter mit dem Höhepunkt 
in der Mitte. Das Märchen weiß alle Spannung auf 
die Lösung, auf das Ende zu richten. Wenn man 
für die Sagen Glaubwürdigkeit in Anspruch nimmt, 
will man im Märchen nicht verlangen, daß jemand 
das Erzählte als wirklich geschehen auffasse, es handelt 
sich um einen geistvollen Zeitvertreib. 
Zum Worte „Märchen“ ist zu bemerken, daß es 
erst neuerer Zeit angehôrt. Das Grundwort ,,maere” 
freilich wird schon im Mittelhochdeutschen unzählige 
Male verwendet. Es stellt sich zum Stamme gotisch 
mérs — berühmt, in jedermanns Munde. Unsicher 
schwankt das Geschlecht im  Mittelhochdeutschen 
zwischen Femininum und Neutrum, gern erscheint das 
Wort im Plural. Unter „maere‘“ verstand man etwas, das 
mitgeteilt wird, die Nachricht, die Antwort auf eine 
Frage, das Gerücht, eine Erdichtung, die Erzählung 
einer bemerkenswerten Begebenheit. Luther gebraucht 
maerlin für erfundene Geschichte, nicht selten im 
jetzigen Sinne von ,Sage"; er spricht z. B. über die 
Mährlin von Dietrich von Bern. Die Begriffe „Sage“ 
und „Märchen“ — diese Form gehört erst dem 
Neuhochdeutschen an und ist mitteldeutschen Ur- 
sprungs — hat man erst in neuerer Zeit schárfer zu 
scheiden begonnen. Der heutige Begriff des Märchens 
ist nur 130—140 Jahre alt’) und im Anschluß an 
die nach Deutschland gelangten orientalischen Er- 
zählungen gebildet. Die Romantik soll ihn gefestigt
	        
Waiting...

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.