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den Ausdruck „Spiel“! In der Tat haftet dem Märchen
etwas Spielendes an. Es besitzt nicht den Ernst, der
den Grundton der meisten Sagen abgibt. Etwas Tän-
delndes, eine leichtere Lebensanschauung, ófter ein
Verzicht auf das gerechte Abwágen von Gut und Bóse
wohnt ihm inne. Es ist, wie schon die Brüder Grimm
hervorhoben, poetischer als die Sage. Geistreicher
und abwechselnder hat man es genannt. Die Sage
zeigt mehr dramatischen Charakter mit dem Höhepunkt
in der Mitte. Das Märchen weiß alle Spannung auf
die Lösung, auf das Ende zu richten. Wenn man
für die Sagen Glaubwürdigkeit in Anspruch nimmt,
will man im Märchen nicht verlangen, daß jemand
das Erzählte als wirklich geschehen auffasse, es handelt
sich um einen geistvollen Zeitvertreib.
Zum Worte „Märchen“ ist zu bemerken, daß es
erst neuerer Zeit angehôrt. Das Grundwort ,,maere”
freilich wird schon im Mittelhochdeutschen unzählige
Male verwendet. Es stellt sich zum Stamme gotisch
mérs — berühmt, in jedermanns Munde. Unsicher
schwankt das Geschlecht im Mittelhochdeutschen
zwischen Femininum und Neutrum, gern erscheint das
Wort im Plural. Unter „maere‘“ verstand man etwas, das
mitgeteilt wird, die Nachricht, die Antwort auf eine
Frage, das Gerücht, eine Erdichtung, die Erzählung
einer bemerkenswerten Begebenheit. Luther gebraucht
maerlin für erfundene Geschichte, nicht selten im
jetzigen Sinne von ,Sage"; er spricht z. B. über die
Mährlin von Dietrich von Bern. Die Begriffe „Sage“
und „Märchen“ — diese Form gehört erst dem
Neuhochdeutschen an und ist mitteldeutschen Ur-
sprungs — hat man erst in neuerer Zeit schárfer zu
scheiden begonnen. Der heutige Begriff des Märchens
ist nur 130—140 Jahre alt’) und im Anschluß an
die nach Deutschland gelangten orientalischen Er-
zählungen gebildet. Die Romantik soll ihn gefestigt