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Volltext: Europa an der Grenze

VON UMBRÜCHEN 
Wege nach dem Krieg. 
Ein Porträt von Gertraud Banowski 
Katrin Rothe 
Gertraud Banowskis Lieblingsplatz in 
ihrer Berliner Einzimmerwohnung ist der 
Sessel gleich links vom Fenster. »So stan- 
den auch die Bänke meiner Schüler in den 
Klassenzimmern«, sagt die 72-Jährige. Das 
Licht von links warf keine Schatten, wenn 
die Schüler etwas in ihre Hefte notierten. 
Geschichte und Geografie hatte sie unter- 
richtet. 
Sie lässt die Jalousien herunter und 
schiebt eine Kassette in den Videorecorder. 
Es ist die Kopie eines polnischen 
Fernsehbeitrages von 1998 über Falken- 
burg, ihre Geburtsstadt. Die Industriestadt 
liegt 120 km östlich von Stettin in 
Hinterpommern. Anlass der Sendung war 
die Einweihung eines Gedenksteines für 
die deutschen Gefallenen von 1945. Frau 
Banowski war als Vorsitzende deı 
Vertriebenen ihrer Heimatkreisgruppe 
auch dabei. Sie zeigt auf den Bildschirm. 
Dort stehen alte Frauen mit Kopftüchern, 
eng beieinander, schweigend, während ein 
Festredner über die Vertriebenen spricht. 
»Die Polen nehmen jetzt auch Anteil an 
dem, was gewesen war«, sagt sie. 
Die Flucht 
»Weihnachten 1944 war ich 13 Jahre. 
Unsere Festtagsmusik war das Kanonen- 
grollen der russischen Artillerie«, erzähl: 
die Rentnerin und dreht ihr Gesicht in die 
Nachmittagssonne. Licht fällt auf ihren 
schmalen Mund und die blonden kurzen 
Haare. Es war ein trauriges Weihnachts- 
fest. An Flucht dachte zu diesem Zeitpunkt 
niemand, auch nicht Frau Banowskis 
Familie. »Darauf stand die Todesstrafe«. 
sagt Frau Banowski und unterstreicht die 
Worte mit Klopfen auf den Tisch. Die 
Bevölkerung sollte in Nähe der Front 
gehalten werden, um sie zu stabilisieren. 
Evakuiert wurde erst im Februar 1945. 
Zunächst durften nur Angehörige von 
Postmitarbeitern gehen, so auch Gertraud 
Banowskis Familie. Ihr Vater stellte vor der 
Mobilmachung Briefe zu. Ihre ältere 
Schwester Irmi durfte nicht mit, da sie 17 
Jahre war. Wer über 16 war, musste in der 
Stadt bleiben, um sie zu verteidigen. Ein 
Bus, der mit Holzspänen angetrieben 
wurde, brachte die Frauen und Kinder aus 
der Stadt. »Das hatte den Vorteil, dass wir 
nicht froren.« Über Stettin, immer in 
Frontnähe, fuhren sie bis nach Anklam. 
Dort blieb der Bus über Nacht stehen. Die 
Stadt war bombardiert worden. Ein neuer 
Angriff war zu befürchten. »Gespenstisch 
ragten die Ruinen auf. Es war eiskalt.« Am 
nächsten Tag ging die Fahrt weiter bis nach 
Juliusruh auf Rügen. Sie waren die ersten 
Flüchtlinge. »Wir wurden freundlich, bei- 
nahe wie Badegäste aufgenommen.« Sofort 
schrieb Gertrauds Mutter an Irmi in 
Falkenburg und an ihren Vater und Bruder 
an der Front. Die Post erreichte in den 
Kriegswirren ihre Adressaten. »Dank 
preußischer Pedanterie«, so Frau 
Banowski. Falkenburg wurde am 5. März 
1945 besetzt. Kurz vorher konnte Irmi 
noch mit dem letzten Zug flüchten. Sie 
erreichte ihre Familie auf Rügen unver- 
sehrt.
	        
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