UELI BRUNNER
Bausteine der Sabäer
1. Überblick
Steine nehmen in ariden Gebieten als Baumaterial eine weit wichtigere Stellung ein als in
unseren gemäßigten Breiten. Diese Tatsache ist einerseits auf die fehlende Konkurrenz
des Holzes mangels nutzbarem Stammholz und andererseits auf die positiven Eigenschaf
ten der Steine wie Dauerhaftigkeit und gute Isolation auch bei extremer Einstrahlung
zurückzuführen. Insbesondere in Südarabien gesellt sich ihre vorzügliche Eignung als
massives, resistentes Material für die Verwendung in Funktionsbauten der Wasserwirt
schaft hinzu. Die jemenitischen Hochkulturen wurden-sicher zu Recht-auch schon als
hydraulische Zivilisationen bezeichnet (Wittfogel: 1956).
Die bekannteste unter ihnen ist zweifellos die Sabäische, deren Zentrum sich in MRYB,
dem heutigen Ma'rib befand, einem Ort am östlichen Gebirgsrand der Arabischen Repu
blik Jemen. Die Geschichte von Saba hängt eng mit der Bewässerung zusammen. Seine
Stellung vermochte es erst mit der Errichtung von festen Steinbauten bei der Wasserfas
sung und -verteilung auf ein höheres, beherrschendes Niveau aufzuschwingen. Dies ge
schah vermutlich bereits etwa tausend Jahre vor Christus (Brunn er 1983: 108 f. ). Der
definitive Untergang des Reiches am Anfang des 7. Jahrhunderts n. Chr. ist noch enger
mit der Wasserwirtschaft verflochten. Der Bruch des großen Dammes führte zur Auswan
derung der Sabäer aus ihrem Stammland Ma'rib (Koran, Sure 34, Verse 15-17).
Die nicht der Wasserwirtschaft zugehörenden sabäischen Ruinen, die bis heute erhal
ten blieben und die Basis dieser Untersuchung darstellen, sind meist Prunkbauten wie
z. B. die Stadtmauer von MRYB oder die Tempel. Das sind Bauwerke, die neben ihrer
Funktion vor allem repräsentieren mußten und sehr dauerhaft errichtet worden waren.
Dies verlangte aber zwingend Stein als Baustoff. Daneben sollte darauf hingewiesen
werden, daß es sicher viele einfache Gebäude und Hütten gab, die aus weniger dauerhaf
ten Materialien gebaut waren, also nur für kurze Zeit bestanden und heute kaum mehr
nachweisbar sind.
Die intensive geologische Strukturierung hat der Region Ma'rib einen reichen Vorrat
an leicht zugänglichen Bausteinen in nächster Umgebung der Siedlungszentren geschenkt
(Fig.1). Diese Vielfalt wurde von den sabäischen Baumeistern im Laufe der Geschichte
weitgehend ausgenützt, wobei einzelne Epochen ihren bevorzugten Baustein gehabt zu
haben scheinen. Dabei ergibt sich eine zufällige Konkordanz der Altersabfolge, indem die
ältesten noch erhaltenen Bauten, die Tempel von Masägid und Samsara aus dem ältesten
Gestein, den Schiefern und Gneisen des Präkambriums (Erdurzeit) erstellt worden waren,
die im Mesozoikum (Erdmittelalter) gebildeten Kalke wurden vor allem während der
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