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Objekt: Globus, 93.1908

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Max Leopold Wagner: Las Nuorese. 
Ort durch kleine lautliche Verschiedenheiten verändert, 
so hat hier jedes Dorf etwas besonders Charakteristisches 
in seiner Tracht, wiewohl der Gesamttypus derselbe 
bleibt. 
Für die nuoresische Männertracht ist das flamm- 
rote Wams charakteristisch, auch in der weiblichen Klei¬ 
dung herrscht das Rote vor; im nahen Oliena ist die 
Tracht ganz ähnlich, aber Frauen wie Männer tragen 
flügelartige Ansätze am Mieder und am Wams; in Fonni 
ist das corpettu tiefbraun, und so variiert die Tracht be¬ 
ständig. Man muß die nuoresischen Frauen und Mädchen 
gesehen haben, wie sie in elastischem Schritt, die Am¬ 
phora („sa brocca“) von klassischen Formen auf dem 
Haupte, singend vom Brunnen heimkehren (Abb. 1) oder 
wie sie sich, das Linnen an der Quelle oder im Bache 
schwenkend und auf den glatten Steinen reibend, mit 
Neckworten zur Arbeit anfeuern. Die Bewohner des 
Nuorese gelten mit Recht für intelligent; man ist oft 
erstaunt, in diesen verlassenen Gebirgsdörfern das kor- 
„Die Tränen, die sind Wasser, 
Die Seufzer, die sind Wind, 
Die Leidenschaft ist Torheit, 
Die Tränen, die sind Wasser. 
So laß’ es doch, so laß es, 
Wenn du ein Herz noch hast, 
So sprich mir nicht von Liebe!“ 
Das ist ein Liedchen, das einer meiner nuoresischen 
Freunde dem Volksmunde abgelauscht hat. Tausende 
solcher Liedchen gibt es, und man kennt im Nuore¬ 
sischen Sängerinnen, oft einfache Mägde, die den Ge¬ 
danken in unzähligen „mütos“ (so heißt man diese Trutz¬ 
liedchen) zu variieren verstehen. Neben dem Liebessange 
ist es die alte Totenklage, die in den Dörfern des Nuorese, 
vor allem im Bittesischen, in wilden leidenschaftlichen 
Gesängen fortlebt. Denn hier oben ist die Blutrache, 
die einst in ganz Sardinien herrschte, noch nicht ver¬ 
schwunden, und noch beklagen Mütter und Bräute, ähn¬ 
lich wie in Korsika, den in der Kraft seiner Jahre dem 
Bluträcher Verfallenen2). 
Abb. 2. Inneres eines sardischen Hauses. 
rekteste Italienisch aus dem Munde von Hirten und 
Mädchen zu hören, während in der Ebene trotz der Nähe 
der Hauptstadt die Volksbildung auf sehr niedriger Stufe 
steht und der Analphabetismus fast die Regel ist. Ich 
habe mich oft auf meinen Touren in den Bergen über 
die verständigen Antworten und die klare Ausdrucks¬ 
weise von Knaben, die nie aus ihrem Bezirk hinausge¬ 
kommen waren, gewundert und bedauert, daß ihnen 
selten die Ausbildung zuteil wird, die sie verdienten. 
Wenn überall in Sardinien die Freude am einhei¬ 
mischen Gesang und die Lust zum Dichten herrscht, so 
ist sie doch nirgends mehr ausgeprägt und in Form und 
Inhalt edler als in diesen Bergen. Vor allem sind die 
nuoresischen Liebeslieder in ihrer klangvollen Sprache 
und dem klagenden Tonfall, in dem sie von den Mädchen 
gesungen werden, von großer Wirkung und erfreuen oft 
durch die einfache Tiefe ihres Inhalts. 
„Sar lacrimas sun abba, 
Sos suspiros sun bentu, 
Sa passione er macchiore, 
Sar lacrimas sun abba. — 
Accähbamila, accabba, 
Si jüches sentimentu, 
Non fav6dd.es d’amore!“ 
Die Lust am Dichten ist so groß, daß häufig bei Ge¬ 
legenheit ländlicher Feste eigentliche Dichterwettkämpfe 
stattfinden. Es ist kaum glaublich, mit welcher Reim¬ 
gewandtheit einzelne Teilnehmer zu improvisieren ver¬ 
stehen, aber man kann sich nicht verhehlen, daß dabei 
oft der Reim über den Inhalt gestellt wird, welch letzterer 
sich allzu gern in den stereotypen Bildern bewegt. Jeden¬ 
falls übertrifft die spontane Volksdichtung an Frische und 
Natürlichkeit weitaus die zuletzt erwähnte Kunstdichtung, 
obwohl eigentliche Grenzen schwer zu ziehen sind. 
Die Lebensweise ist im Nuorese höchst einfach. Die 
Bevölkerung ist ein Hirtenvolk, dessen einziger Reichtum 
der Viehbestand ist. Das Nomadentum steckt den Berg- 
sarden noch tief im Blut; sie reiten gern auf ihren 
kleinen beweglichen Pferden durch die Berge, lieben die 
Jagd und übernachten am liebsten in freier Heide. Die 
Hausarbeit besorgen einzig die Frauen, während die 
Männer oft wochenlang draußen in den Hürden bleiben 
und nur Sonntag sich im Dorf sehen lassen. Das ur¬ 
sprüngliche sardische Haus, wie man ihm noch in manchem 
*) Siehe des Verfassers Abhandlung „Die sardiscbe Volks¬ 
dichtung“ in der Festschrift zum 12. Deutschen Neuphilo¬ 
logentag 1906, S. 236 bis 299.
	        
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