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Max Leopold Wagner: Las Nuorese.
Ort durch kleine lautliche Verschiedenheiten verändert,
so hat hier jedes Dorf etwas besonders Charakteristisches
in seiner Tracht, wiewohl der Gesamttypus derselbe
bleibt.
Für die nuoresische Männertracht ist das flamm-
rote Wams charakteristisch, auch in der weiblichen Klei¬
dung herrscht das Rote vor; im nahen Oliena ist die
Tracht ganz ähnlich, aber Frauen wie Männer tragen
flügelartige Ansätze am Mieder und am Wams; in Fonni
ist das corpettu tiefbraun, und so variiert die Tracht be¬
ständig. Man muß die nuoresischen Frauen und Mädchen
gesehen haben, wie sie in elastischem Schritt, die Am¬
phora („sa brocca“) von klassischen Formen auf dem
Haupte, singend vom Brunnen heimkehren (Abb. 1) oder
wie sie sich, das Linnen an der Quelle oder im Bache
schwenkend und auf den glatten Steinen reibend, mit
Neckworten zur Arbeit anfeuern. Die Bewohner des
Nuorese gelten mit Recht für intelligent; man ist oft
erstaunt, in diesen verlassenen Gebirgsdörfern das kor-
„Die Tränen, die sind Wasser,
Die Seufzer, die sind Wind,
Die Leidenschaft ist Torheit,
Die Tränen, die sind Wasser.
So laß’ es doch, so laß es,
Wenn du ein Herz noch hast,
So sprich mir nicht von Liebe!“
Das ist ein Liedchen, das einer meiner nuoresischen
Freunde dem Volksmunde abgelauscht hat. Tausende
solcher Liedchen gibt es, und man kennt im Nuore¬
sischen Sängerinnen, oft einfache Mägde, die den Ge¬
danken in unzähligen „mütos“ (so heißt man diese Trutz¬
liedchen) zu variieren verstehen. Neben dem Liebessange
ist es die alte Totenklage, die in den Dörfern des Nuorese,
vor allem im Bittesischen, in wilden leidenschaftlichen
Gesängen fortlebt. Denn hier oben ist die Blutrache,
die einst in ganz Sardinien herrschte, noch nicht ver¬
schwunden, und noch beklagen Mütter und Bräute, ähn¬
lich wie in Korsika, den in der Kraft seiner Jahre dem
Bluträcher Verfallenen2).
Abb. 2. Inneres eines sardischen Hauses.
rekteste Italienisch aus dem Munde von Hirten und
Mädchen zu hören, während in der Ebene trotz der Nähe
der Hauptstadt die Volksbildung auf sehr niedriger Stufe
steht und der Analphabetismus fast die Regel ist. Ich
habe mich oft auf meinen Touren in den Bergen über
die verständigen Antworten und die klare Ausdrucks¬
weise von Knaben, die nie aus ihrem Bezirk hinausge¬
kommen waren, gewundert und bedauert, daß ihnen
selten die Ausbildung zuteil wird, die sie verdienten.
Wenn überall in Sardinien die Freude am einhei¬
mischen Gesang und die Lust zum Dichten herrscht, so
ist sie doch nirgends mehr ausgeprägt und in Form und
Inhalt edler als in diesen Bergen. Vor allem sind die
nuoresischen Liebeslieder in ihrer klangvollen Sprache
und dem klagenden Tonfall, in dem sie von den Mädchen
gesungen werden, von großer Wirkung und erfreuen oft
durch die einfache Tiefe ihres Inhalts.
„Sar lacrimas sun abba,
Sos suspiros sun bentu,
Sa passione er macchiore,
Sar lacrimas sun abba. —
Accähbamila, accabba,
Si jüches sentimentu,
Non fav6dd.es d’amore!“
Die Lust am Dichten ist so groß, daß häufig bei Ge¬
legenheit ländlicher Feste eigentliche Dichterwettkämpfe
stattfinden. Es ist kaum glaublich, mit welcher Reim¬
gewandtheit einzelne Teilnehmer zu improvisieren ver¬
stehen, aber man kann sich nicht verhehlen, daß dabei
oft der Reim über den Inhalt gestellt wird, welch letzterer
sich allzu gern in den stereotypen Bildern bewegt. Jeden¬
falls übertrifft die spontane Volksdichtung an Frische und
Natürlichkeit weitaus die zuletzt erwähnte Kunstdichtung,
obwohl eigentliche Grenzen schwer zu ziehen sind.
Die Lebensweise ist im Nuorese höchst einfach. Die
Bevölkerung ist ein Hirtenvolk, dessen einziger Reichtum
der Viehbestand ist. Das Nomadentum steckt den Berg-
sarden noch tief im Blut; sie reiten gern auf ihren
kleinen beweglichen Pferden durch die Berge, lieben die
Jagd und übernachten am liebsten in freier Heide. Die
Hausarbeit besorgen einzig die Frauen, während die
Männer oft wochenlang draußen in den Hürden bleiben
und nur Sonntag sich im Dorf sehen lassen. Das ur¬
sprüngliche sardische Haus, wie man ihm noch in manchem
*) Siehe des Verfassers Abhandlung „Die sardiscbe Volks¬
dichtung“ in der Festschrift zum 12. Deutschen Neuphilo¬
logentag 1906, S. 236 bis 299.