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Volltext: Zeitschrift für Volkskunde, 110.2014

Buchbesprechungen 
höhergestellten Lehrpersonal im Kolleg teilen, was als Ausdruck einer gegenseitigen 
Verpflichtung interpretiert werden könnte. Ohne Bezahlung war freilich auch dieser 
Vorteil nicht zu gewährleisten. Die Zeiten änderten sich bald radikal, was Kirsten Bern- 
hardt und Christin Veltjens-Rösch deutlich herausarbeiten: In der ersten Hälfte des 
18. Jahrhunderts reklamierten Studenten ihre, akademische Freiheit in aller Öffentlich- 
keit nicht nur durch ein bestimmtes Kleidungsverhalten, indem sie einen Schlafrock 
trugen und Pfeife rauchten, sondern insbesondere durch die Inszenierung von Tumul- 
ten, die sich direkt gegen die Universitätsverwaltung wandten und im Zerschlagen von 
Fensterscheiben gipfelten. Andernorts, in Schweden etwa, wurden die lernenden Kan- 
didaten sozial besser gestellt: So führte, wie 7ina Braun am Beispiel von Uppsala zeigt, 
der Senat der Stadt eine cassa pauperum ein, die arme oder kranke Studenten unterstüt- 
zen sollte. Auf der anderen Seite suchten die Verantwortlichen studentische Vereinigun- 
gen zu unterbinden, da Unruhen und Aufruhr von ihnen befürchtet wurden. 
Hingegen duldete, wie Matthias Hensel die Verhältnisse im territorialherrschaftlich 
deutlicher beschränkten Jena beschreibt, die Obrigkeit dort eine studentische Standes- 
kultur, da es ja darum ging, angehende Akademiker an die Universität zu ziehen. Sie 
erhielten Vergünstigungen, und sogar die Folgen des Alkoholkonsums wurden gedul- 
det, worüber bekanntlich Zachariäs komisches Versepos Der Renommiste (1754) noch 
beredtes Zeugnis ablegt. Wie sich viel später, erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts, he- 
rausstellen sollte, war tatsächlich der Keim zu intellektuell und politisch begründeten 
revolutionären Umtrieben gerade hier und angesichts strengerer landes- und stadtherr- 
schaftlicher Reglements gelegt worden. 
Ein besonderes Interesse gilt nicht nur in der Europäischen Ethnologie von jeher 
dem Wesen der Gabe; so ist der symbolische Austausch von Verpflichtungen und Rech- 
ten innerhalb einer Gemeinschaft und gegenüber ihren nachrückenden Novizen der 
Grundtenor des Aufsatzbandes, der als Fazit gleichermaßen den Band abschließt, in 
dem zwar keine Gesamtanalyse des Phänomens angestrebt wird, aber genau dokumen- 
tierende Spotlights auf der Basis exakter Recherche und Analyse versammelt sind. Ga- 
briele Jancke sieht den Schlüssel für das Beziehungsgeflecht von akademischer Gast- 
geberschaft und Geselligkeit in der „UOkonomie sozialer Beziehungen“, die von Werten 
wie Status und Ehre ebenso geprägt sind wie von den „sozialen Nahbeziehungen“, also 
„Freundschaft, Patronage, Verwandtschaft, Nachbarschaft“ (S. 170). Diese Ansätze ba- 
sieren einmal auf den Forschungen des Historikers Rudolf Vierhaus unter dem Schlag- 
wort „Lebenswelten“, zweitens auf Claudia Ulbrichs Feststellung, dass in diesen — wir 
fügen hinzu: erst in der Frühen Neuzeit konstituierten — akademischen Milieus auf die 
„kulturellen Repertoires“ der Gesellschaft zurückgegriffen werde (vgl. S.172). Zur 
Exemplifizierung der Substanz dieser Repertoires, ihres Wandels und ihrer Ausprägun- 
gen in den akademischen Lebenswelten vom 15. bis zum 18. Jahrhundert im Einzelnen 
hätte der eine oder andere ergänzende Aufsatz hier sicher noch mehr beitragen können. 
Die dank der Initiative der Herausgeberinnen im Sonderforschungsbereich Symbolische 
Kommunikation und gesellschaftliche Wertesysteme vom Mittelalter bis zur Französischen 
Revolution zustande gekommene Publikation füllt jedoch mit ihren detailkenntnisrei- 
chen Einzeluntersuchungen eine wesentliche kulturwissenschaftliche Lücke zu einem 
wichtigen, bisher eher am Rand behandelten Thema. 
Erfurt 
HANNS-PETER MEDERER 
343
	        
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