24 Kurzbeitrag
Anschließend kommentierte der Diskutant,
Michael Schönhuth, die zentralen Punkte
der vorhergehenden Beiträge und leitete
damit über zur Diskussion. Während er den
zentralen Argumenten der Vortragenden
zustimmte, bezog er die genannten Aspekte
erneut auf die deutsche Fachdiskussion der
vergangenen Jahre, sowie auf die „Frankfur-
ter Erklärung“ zur Ethik in der Ethnologie,
die als Resultat der fachinternen Diskurse
der 1980er Jahre als ethische Richtlinien im
Jahr 2009 durch den Fachverband deklariert
wurde. Er betonte, dass die in allen drei
Vorträgen genannte Maxime des „doing
anthropology ethically“ versus „doing
ethics anthropologically“ wohl die wich-
tigste Essenz der Debatte sei, und dass er
zustimme, den Fokus auf die ethische Praxis
zu legen als auf das formalisierte Abhaken
bestimmter Anforderungen im Sinne einer
checkbox-Mentalität. Die „Kunst der Feld-
forschung“ und die darin implizierte Frage
nach ethisch korrektem Verhalten sei eine
Kunst bzw. ein Handwerk, welches sich nicht
allein furch institutionalisierte Begutach-
tungsverfahren erschließe, sondern durch
individuelle Erfahrungen, die wiederum
durch die Unterstützung der Universitäten
und entsprechenden Änderungen in den
Curricula reflektiert und diskutiert werden
müssen. Durch die Erhöhung des Drucks
als Folge einer Anpassung an die interna-
tionale akademische Landschaft sei genau
jetzt ein wichtiger politischer Moment, um
gegenüber unterschiedlichen Forschungs-
förderorganisationen einfühlsam, jedoch
auch schnell und bestimmt zu handeln und
die besonderen Bedürfnisse der deutsch-
sprachigen Ethnologie in den Ethikkom-
missionen zu formulieren und einzufordern,
beispielsweise im Umgang mit Langzeitar-
chivierung und Datenmanagement.
In der weiteren Diskussion kommentierte
Annelies Moers aus den Niederlanden die
Thematik mit einem Fallbeispiel ihres Insti-
tuts: eine Mitarbeiterin, die zu muslimischen
Ehen im Kontext syrischer IS-Jihadist�innen
forsche, sei von lokalen Medien für ihre
Forschungsmethoden und ihre ethische
Herangehensweise stark kritisiert worden
und das Thema sei darüber hinaus politisch
und journalistisch im Kontext des nieder-
ländischen Wahlkampfes massiv instrumen-
talisiert worden. Anschließend berief die
Universität einen Kontrollausschuss ein, der
die Forscherin nicht nur zu problematischen
inhaltlichen Fragen der Forschung, sondern
auch zu persönlichen Informationen von
Forschungsteilnehmer�innen befragte. Aus
dieser Erfahrung heraus fordert Annelies
Moers einen stärkeren Schutz für Forschen-
de bezüglich Datenschutz, Privatsphäre,
Schutz vor Diskriminierung und rechtliche
Absicherung.
Hansjörg Dilger stimmte in seinem Diskus-
sionsbeitrag den Vorträgen und den von
Michael Schönhuth genannten Punkten zu
und ergänzte, dass der Fokus auf einer noch
intensiveren Auseinandersetzung mit dem
Thema liegen müsse, wie Forschungsethik
„ethnologischer“ gedacht werden könne,
innerhalb der Institute, in der Lehre, im
Umgang mit Nachwuchswissenschaftler�in-
nen und wie dies mit erhöhter Kreativität
umgesetzt werden könne. Es sei immens
wichtig, Strategien zu entwickeln, um dem
steigenden Druck auf europäischer Ebene
nach der Forderung von formalisierten
Ethikbegutachtungen zu begegnen; hierfür
seien nicht nur innerhalb der nationalen
Fachverbände, sondern auch auf trans-
nationaler und globaler Ebene erweiterte
Diskussionen von Nöten.
Der Kommentar von Carola Lentz stellte zu
bedenken, dass auch Ethik im Kontext von
Machtverhältnissen zu sehen sei und nicht
jegliche Form formalisierter Ethikbegut-
achtungen kritisiert werden müsse. Es sei
vielmehr wichtig, danach zu fragen, welche
Arten von Formalisierung und welche
Institutionen hilfreich sein könnten, wenn
das Interesse vonseiten der Forscher�innen
primär die Wissensproduktion sei.