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Volltext: Anthropos, 108.2013

Die Konstruktion von Indigenität am Beispiel des Internationalen Walfanges 
155 
Fisch reduziert, während Amerikaner als Fleisch- 
esser tituliert werden.?* 
Der Heterogenisierung nach außen folgt die so- 
wohl quantitative als auch qualitative Homogeni- 
sierung nach innen. Der quantitative Konsum von 
Walfleisch im Land wird betont, sowohl historisch 
als auch nach dem 2. Weltkrieg, als in einer Versor- 
Sungsnotsituation Walfleisch zum vorherrschenden 
Nahrungsmittel avancierte.25 So machte der Wal- 
Jeischkonsum während der Jahre 1945 bis 1965 
Mehr als die Hälfte der nationalen Fleischversor- 
Sung aus (Komatsu and Misakıi 2004: 46). Obwohl 
8erade die jüngere Generation Walfieisch ablehnt 
bzw. keinen Bezug zu diesem Essen hat (Komatsu 
and Misaki 2004: 46), sei die Nachfrage nach Wal- 
Jeisch heute noch groß (Nagasaki 1993: 12). Die 
Homogenisierung hatte auch eine qualitative Kom- 
Donente, da in Japan durch die Geschichte hindurch 
sine einzigartige Walküche entwickelt wurde (Ko- 
Matsu and Misaki 2004: 60f.). 
Interessanterweise entwickelte sich, ausgehend 
von kleinen, regionalen Küstengemeinden, zuneh- 
Mend eine Diskussion auf Nationalstaatsebene. 
Das Moratorium würde nicht nur die regionalen 
Walfangkulturen in Japan, sondern auch die japani- 
sche Walfangkultur als Nation betreffen. Die Auto- 
ten Kalland und Moeran gehen von einer “integrier- 
ten nationalen Walfangkultur” aus. Ihrer Meinung 
lach sind lokale Walfangaktivitäten (Jagd und Ver- 
arbeitung) und Walfangformen (pelagisch, LTCW 
und STCW) durch nationale Walfangunternehmen 
verbunden. Obwohl in ihrer Publikation “Japanese 
Whaling. End of an Era” (1993) die Gemeindeebene 
ünd die direkte Auswirkung des Moratoriums auf 
Walfängerfamilien eine sehr wichtige Rolle spielen, 
Sgitimieren sie die Instrumentalisierung des Wal- 
:aänges als Nationalsymbol durch ihr Argument der 
Integration über Industrieunternehmen. Die natio- 
nale Walfangkultur wird damit begründet, dass die 
Walfänger schon immer mobil waren und in ande- 
ren Landesteilen gearbeitet haben: 
One of the characteristics of the history of Japanese whal- 
ing has been the mobility of its operators, and this mobili- 
ty has played a decisive role in shaping and disseminating 
Japan’s whaling culture. Beginning in the 17th century, 
net owners in the southwest of Japan frequently moved 
from one whaling ground to another as circumstances re- 
Jquired, and because of the special skills involved in whal- 
ing and in the making of nets and boats, they took teams 
af skilled workers with them. Thereafter, the centre of 
whaling gradually shifted from the southwest of the coun- 
xy to the northeast. Whalers from Kyushu, Shikoku, the 
Seto Inland Sea area and Wakayama thus moved with the 
aperators to pursue the occupations of their ancestors, re- 
sulting in a long tradition of whaling culture transmit- 
:ed from father to son with no major discontinuities (The 
Beneficiaries of the Riches of the Sea und Japan Small- 
Type Whaling Association 1993: 4). 
Aus ursprünglich regionalen “Kulturen des Wal- 
fanges” wird auf diese Weise die japanische, “nati- 
onale Walfangkultur”. Beschränkungen des Walfan- 
ges wurden somit für den Akteur Japan als Angriff 
auf die Nation interpretierbar. Der Walfang entwi- 
ckelte sich damit zu einem sehr starken National- 
symbol (von denen es in Japan ohnehin nicht viele 
zab), da es gleichzeitig Distinktion und Gemein- 
schaftsgefühl verband: 
[n this vacuum of national symbols whale meat has pro- 
vided a particularly powerful image. As most Japanese 
are fond of whale meat and believe that the whales saved 
them from starvation after the war, there is little disagree- 
nent about the value of such meat. Moreover, since few 
other peoples eat whale meat, this habit also sets the Japa- 
nese apart from others. The Japanese thus become unique, 
and the whaling issue serves to strengthen the much cher- 
‚shed Japanese myths about their identity (nihonjinron), 
which itself helps fuel one form of Japanese nationalism 
‘"Kalland and Moeran 1992: 194 f.). 
Wa ZA 
4 Ellis nachvollziehbares Argument für die Fortführung des ja- 
panischen Walfanges ist, dass Japaner “sich nicht vorschrei- 
den lassen wollten, was sie zu essen hatten und wie sie dies 
Jeschaffen sollten” (1993: 434). Es geht aber darüber hin- 
aus. So schreibt die von der japanischen Delegation einge- 
setzte “Working Group on Socio-Economic Implications of 
a Zero Catch Limit”: “There is growing resentment in Japan 
to attacks on Japanese food culture from activities in foreign 
Countries“ (The Government of Japan 1997a: 38). Neben 
dem Angriff auf die eigene Nation und die eigene Esskultur 
Sei zudem ein Kulturverlust zu befürchten: “Increasingly Jap- 
anese people are coming to view the disappearance of whal- 
ng as a loss for Japan and Japanese culture, and attempts 
9y non-Japanese to impose their alien points of view as an 
uncalled for attack on their history, culture and religious be- 
5 liefs” (40). 
‘ Bis nach dem 2. Weltkrieg war Walfleisch in Japan quantita- 
lv und überregional kein besonders wichtiges Nahrungsmit- 
tel gewesen (Ellis 1993: 434). 
Die Artikulationen von grönländischen und ja- 
aanischen Eliten und wissenschaftlichen Experten 
zleichen sich an, sieht man davon ab, dass in Ja- 
pan neben den regionalen “Kulturen des Walfan- 
zes” auch die “nationale Walfangkultur” eine Rolle 
spielt. Eine seit Jahrhunderten andauernde Tradi- 
ion, kulturelle Praktiken und Glaubensvorstellun- 
zen werden zur Begründung der Fortführung des 
Walfanges sowohl von Grönland als auch Japan an- 
zeführt. Doch nur der kulturell begründete “Einge- 
jorenenwalfang” erhält Legitimität, während die 
vorgeschlagene, neue Kategorie des “Küstenwal- 
:anges im kleinen Rahmen” sich nicht durchsetzen 
<ann. Meiner These zufolge sind die Ursachen in 
Anthropos 108.201-
	        
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