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” Vol. 16 (1993): 265 — 274
Alters-, Geschlechts- und Gruppenspezifik von
Körperbau und Ernährungszustand
Holle Greil
Überarbeiteter Vortrag , Heidelberg 24.-27.3.93, XI. Int. Fachkonferenz Ethnomedizin / 2. Europ. Kolloquium
Ethnopharmakologie: Heilmittel und Nahrungsmittel aus ethnopharmakologischer Sicht
L. Problemstellung
Die Maße und Proportionen unseres Körpers ver-
ändern sich nicht nur während des sogenannten
Wachstumsalters in Abhängigkeit von unserem
Srbgut in charakteristischer Weise, auch der Kör-
per des erwachsenen Menschen verändert sich ge-
schlechtsspezifisch und entsprechend seinem bio-
logischen Alter. Auf der Grundlage des individuel-
en Erbgutes wirken Umweltfaktoren zusätzlich
modifizierend und erhöhen so die phänotypische
Vielfalt. Wohl der wichtigste dieser modifizie-
renden Umweltfaktoren ist die Nahrung. Jeder
Mensch muß essen und trinken. Sein aus Nah-
"ungszufuhr, Nahrungsenergieverarbeitung und
genetisch fixiertem alters- und geschlechtsab-
hängigem Körperbau resultierender Ernährungs-
Zustand steht in komplexem Zusammenhang mit
seinem Gesundheitszustand. Eine objektive Ein-
Schätzung des Ernährungszustands ermöglicht so
Rückschlüsse auf den Gesundheitszustand und ist
/on epidemiologischer Bedeutung.
Grundlage für eine Beurteilung des Ernäh-
"ungszustands ist in der Regel die Körpermasse
ınd ihr Verhältnis zur Körperhöhe. Da beide
Merkmale sich alters- und geschlechtsspezifisch
°ntwickeln, müssen auch aus ihr entwickelte Pro-
portionen differenziert nach Alter und Geschlecht
ingeschätzt werden. In der Medizin heute noch
gebräuchliche Faustregeln wie der BROCA-Index
Normalgewicht = Anzahl der Zentimeter der Kör-
perhöhe über 100, ausgedrückt als Kilogramm)
sind bis zum Jugendalter ohnehin nicht anwendbar
ınd geben auch für das Erwachsenenalter in aller
Regel falsche Werte an, weil sie mit zunehmender
Körperhöhe zuviel Körpermasse als normal ein-
schätzen. Hochwüchsige Menschen mit durch-
sChnittlichem Ernährungszustand werden so als
Intergewichtig eingeschätzt und durchschnittlich
°rnährte kleinwüchsige Menschen als überernährt.
\ußerdem bleibt neben der Altersspezifik die Ge-
schlechtsspezifik unberücksichtigt. Ein geeigne-
tes und international häufig benutztes Maß zur
Beurteilung des Ernährungszustands ist der Kör-
permassen- oder Body-Mass-Index (BMI = 10 x
Körpermasse (g) / Körperhöhe (cm)?). Nach Bray
und GARROW (zit. nach ERBERSDOBLER und WoLF-
RAM, 1993) gilt für das Erwachsenenalter im allge-
meinen ein BMI unter 20 als Untergewicht, zwi-
schen 20 und 25 als Optimalgewicht, zwischen 25
und 30 als Übergewicht und über 30 als Fettsucht.
Abgesehen von der Unmöglichkeit einer Dia-
gnosestellung “Fettsucht” allein auf der Grund-
lage der Bestimmung eines Index aus Körperhöhe
ınd Körpermasse, bleiben bei solchen pauschalen
Einschätzungen wiederum die Alters- und Ge-
schlechtsspezifik des Ernährungszustands unbe-
rücksichtigt. Differenziert man den BMI nach
Alter und Geschlecht, so erlaubt er von der Geburt
an bis zum Greisenalter eine objektive Beurteilung
des Ernährungszustands. Bei entsprechender sta-
tistischer Gruppierung lassen sich darüber hinaus
Zusammenhänge zwischen dem genetisch beding-
ten Körperbautyp und dem Ernährungszustand,
aber auch zwischen sozialen Gruppen und ihrem
Ernährungszustand objektiv und vergleichbar ein-
schätzen. Am Beispiel der anthropometrisch gut
untersuchten ostdeutschen Bevölkerung soll im
Folgenden dargestellt werden, unter welchen Vor-
aussetzungen der BMI für alle Altersgruppen und
für beide Geschlechter als ein geeignetes Maß zur
Beurteilung des Ernährungszustands genutzt wer-
den kann.
2. Probandengut und Untersuchungsmethoden
Als Grundlage für einen anthropologischen Daten-
atlas (FLÜGEL, SOMMER, GREIL 1986), der sowohl
ür Nutzer aus medizinischen Fächern als auch aus
3ereichen, die sich mit der maßlich menschen-
zerechten Gestaltung von Industrieprodukten be-