Bernward Deneke
Manche dieser Konstellationen sind aus dem Blickwinkel der preußi-
schen Administration am Beispiel der Ravensberger Textilwirtschaft schon
1819 treffend auf den Begriff gebracht worden, indem hier von der Gefahr,
»die Gewerbeverwaltung in die Regie der Armenverwaltung herabzuzie-
hen«, gesprochen wurde.
Allerdings schienen die Vorbehalte, ob die Landbevölkerung allenthal-
ben für die hausindustrielle Tätigkeit gerüstet, war, gerechtfertigt. Die Ab-
nehmer beklagten gelegentlich die fehlende Zuverlässigkeit der Produzen-
ten in Hinsicht der Einhaltung der Liefertermine, andere sprachen von ih-
rer geringen mentalen Beweglichkeit, sich auf neue Marktsituationen ein-
zustellen. Man war, wenn trotz angestrengtester Arbeit ein adäquater Ar-
beitslohn ausbleibt, hilflos und verharrte bei der alten Tätigkeit, weil man,
zufolge der Klagen der Arbeiter, nichts anderes gelernt habe und von Ju-
gend auf dieses wenig ertragreiche Geschäft praktiziere. Einer verbreiteten
Stimmung verlieh jener gegen wohlmeinende Förderung resistente Schnit-
zer Ausdruck, der einen Gesprächspartner mit den Worten, Wer sie nicht im
Kopfe habe, werde ihre Kunst nie lernen. So haben es ihre Eltern auch schon
gemacht und sie machten es eben so, und die Jungen, die jetzt zeichnen lern-
ten, machten es auch nicht besser, beschied?!.
Zahlreiche Nachrichten kennzeichnen die Diskrepanzen zwischen den
gut gemeinten Dispositionen der Gewerbeförderung und dem Verhalten
der durch sie betreuten Bevölkerungsteile. So hatte der Landesgewerbver-
ein in Darmstadt im Umland von Biedenkopf mit erheblichem Aufwand die
günstige Verdienstmöglichkeiten verheißenden Häkelarbeiten eingeführt,
jedoch verharrten die Frauen nach dem Weggang der Häkellehrerin bei der
alten Gewohnheit des Strümpfestrickens, weil die Überzeugungsarbeit zu-
gunsten der schwierigeren, aber auch lohnenderen Handfertigkeit nicht
ausreichend war.
Bei solchen Reaktionen ist indessen nicht zu vernachlässigen, daß mit der
Verdichtung und der Spezialisierung der hausindustriellen Tätigkeit in den
einzelnen Ländern deren Rentabilität nachließ: Ernst Schlee hat in seinen Stu-
30 FLÜGEL, AXEL: Kaufmännische Orientierung und Mechanisierung. Das Feinleinengewerbe
in Ravensberg 1680-1890, In: Dırr, KARL/POLLARD, SIDNEY (Hgg.): Von der Heimarbeit in die
Fabrik. Industrialisierung und Arbeiterschaft in Leinen- und Baumwollregionen Westeuropas
während des 18. und 19. Jahrhunderts (= Forschung zur Regionalgeschichte 5). Paderborn
1992, S. 106-127, hier S. 120. — Ders.: Kaufleute und Manufakturen in Bielefeld. Sozialer Wan-
del und wirtschaftliche Entwicklung im proto-industriellen Leinengewerbe von 1680 bis 1850
(= Studien zur Regionalgeschichte 6). Bielefeld 1993, S. 244.
M ILG, ALBERT: Die Industrie des Grödner Thales in Tirol. In: Mittheilungen des k. k. österr.
Museums für Kunst und Industrie Bd. 3, 1871, S. 367-371, hier S. 371.
32 Bericht über die Beförderung ländlicher Erwerbszweige. In: Gewerbeblatt für das
Großherzogthum Hessen 1857, S. 20 f.