Digitalisate

Hier finden Sie digitalisierte Ausgaben ethnologischer Zeitschriften und Monografien. Informationen zum Digitalisierungsprojekt finden Sie [hier].

Suchen in

Volltext: Tribus, 31.1982,N.F.

124 
Buchbesprechungen 
Der „direkte“ Kontakt des Forschers mit 
dem Objekt als Faktum schließt Verständnis- 
und Umsetzungsprobleme weit mehr aus, als 
dies bei der Kommunikation zwischen Forscher 
und Informant der Fall ist. Gerade hier, wo 
sogenannte Fakten über das Medium Mensch 
erfragt werden, bereitet Gallays Studie einige 
Schwierigkeiten. Man vermißt jene Anzeichen 
des „Menschlichen“, die in manchen methodisch 
weniger konsequenten Feldberichten die Emo 
tionalität durchschimmern lassen, von der For 
scher und Informant bei der gemeinsamen Ar 
beit begleitet werden. Ein wesentlicher Be 
standteil des von Gallay untersuchten Mate 
rials sind die nach Angaben von Informanten 
aufgezeichneten historischen Traditionen und 
Genealogien. Aus einer Quelle (21, Tableau 2) 
Et zu ersehen, daß zwei der insgesamt drei 
über die Geschichte von Sarnyere befragten 
Informanten zur Tengo-Lineage gehören. Einer 
von ihnen ist Dorfchef im Hauptort Nemgene 
und gleichzeitig chef-lieu von Sarnyere (20). 
Er scheint einer der bevorzugten Informanten 
gewesen zu sein. Nach seinen Angaben kam 
die Familie Tengo als erste Dogon-Gruppe in 
Sarnyere an und gründete die älteste der von 
Gallay archäologisch untersuchten historischen 
Siedlungen (106). Die hier entstandene Kon 
stellation „Erste Familie — chef-lieu — Infor 
mant“ durchzieht als Motiv die Oral History 
in Afrika und sollte gerade deshalb Anlaß zu 
Bedenken geben. Autoritäten bedienen sich 
gerne einer eigenen „Geschichtsschreibung“. Es 
wäre zu fragen, ob hier nicht Prioritätsansprü 
che einer ersten Familie eine Ideologisierung 
der oralen Tradition bewirkt haben. Immerhin 
sind zwei von drei Informanten Mitglieder 
dieser ersten Familie. Auch wäre zu bedenken, 
daß Informanten in der Regel Erfragtes immer 
individuell interpretiert wiedergeben, und jede 
Information deshalb durch die Aussagen meh 
rerer anderer Informanten überprüft werden 
müßte. Gallay selbst erwähnt, daß die Ge 
schichte der Tengo-Lineage die am besten be 
kannte sei. Die anderen Lineages wüßten zwar 
ihre Ankunft in die allgemeine Reihenfolge der 
Ortsgründungen einzuordnen, könnten sich aber 
nicht mehr an die Gründer erinnern (102). 
Diese Aussage spricht dafür, daß der Genealo 
gie der Tengo-Lineage eine besondere Bedeu 
tung beigemessen wird, und man sie deshalb 
besonders pflegt. Hier sind, so meine ich, dem 
durch Gallays Methodologie implizierten An 
spruch auf von Subjektivismen gereinigte Fak 
ten Grenzen gesetzt. Nicht nur der Forscher 
bleibt bei seinem Kontakt mit dem Informan 
ten permanent subjektiv, sondern auch der In 
formant verhält sich seinem Wissen gegenüber 
in gleicher Weise. Im Hinblick auf die Proble 
matik der Feldforschung erweckt Gallays 
Studie den Eindruck, als sei zu wenig hinter 
fragt worden. 
Es erscheint etwas einseitig, wenn Gallay 
die Isolierung von Sarnyere als rezente Ent 
wicklung betrachtet und mit einem Bevölke 
rungsrückgang der Dogon begründet. Zwar 
wird dies durch demographische Angaben be 
stätigt, nach denen nur 19 der insgesamt 66 
Dörfer im Raum Douentza-Hombori aus 
schließlich von Dogon bewohnt werden (37). 
Bei den anderen Populationen handelt es sich 
um Songhai, Fulbe und Rimaibe. Auch weist 
Gallay auf die Archäologie der Nokara-Höh- 
len hin. Die Gemeinsamkeiten der dort gefun 
denen Ware mit der historischen Keramik von 
Sarnyere würden die Existenz einer alten, weit 
dichteren Dogon-Bevölkerung bestätigen, wie 
dies schon aus den oralen Traditionen hervor 
ginge (143). Man sollte hier zu bedenken ge 
ben, daß archäologische Fundgruppen allein 
noch nichts über die Identität ihrer Träger aus 
zusagen vermögen. Dogon-Stil verbindet sich 
nicht selbstverständlich mit Dogon-Identität. 
So müßte ein Archäologe der Zukunft die heu 
tigen Dogon von Sarnyere als Rimaibe ein 
stufen, wenn er sich ausschließlich am Stil ihrer 
Keramik orientieren wollte. Auch wäre zu 
überprüfen, ob nicht schon Ereignisse in histo 
rischer Zeit einzelne Dogon-Gruppen in eine 
Rückzugsposition gedrängt haben. Immerhin 
liegen drei der historischen Siedlungen auf dem 
Felsplateau des Inselberges, also in der ökolo 
gisch ungünstigsten Zone von Sarnyere, Sie 
wurden in historischer Zeit etwa zwischen 1735 
und 1795 gegründet. Dies fällt zeitlich mit der 
Ausbreitung der Fulbe im nördlichen Niger 
bogen, aber auch in der Gegend von Hombori 
zusammen. Ebenso gibt es Hinweise auf einen 
Zusammenhang mit der Geschichte des nörd 
lichen Yatenga, wo nach Auskunft der dortigen 
Nyonyosi einmal Dogon gewohnt haben sollen. 
Heute, im Zuge der Islamisierung und des all 
gemeinen Verfalls traditioneller Wertvorstel 
lungen, scheint für die Dogon kein Anlaß mehr 
zu bestehen, sich in den Schutz des Massivs 
von Sarnyere zu begeben. Dementsprechend 
wurde vor kurzer Zeit auch das letzte be 
wohnte Dorf auf dem Plateau von seinen Be 
wohnern verlassen (147). 
Gallays Studie bleibt mit einem Teil ihrer 
Ergebnisse leider mehr an der Oberfläche. Das 
liegt in erster Linie natürlich an der nur fünf 
monatigen Dauer des Feldaufenthaltes, in zwei 
ter Linie aber an einer durch die Methode be 
dingten Enge, die dem Ethnographen wie dem
	        
Waiting...

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.