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Buchbesprechungen
Der „direkte“ Kontakt des Forschers mit
dem Objekt als Faktum schließt Verständnis-
und Umsetzungsprobleme weit mehr aus, als
dies bei der Kommunikation zwischen Forscher
und Informant der Fall ist. Gerade hier, wo
sogenannte Fakten über das Medium Mensch
erfragt werden, bereitet Gallays Studie einige
Schwierigkeiten. Man vermißt jene Anzeichen
des „Menschlichen“, die in manchen methodisch
weniger konsequenten Feldberichten die Emo
tionalität durchschimmern lassen, von der For
scher und Informant bei der gemeinsamen Ar
beit begleitet werden. Ein wesentlicher Be
standteil des von Gallay untersuchten Mate
rials sind die nach Angaben von Informanten
aufgezeichneten historischen Traditionen und
Genealogien. Aus einer Quelle (21, Tableau 2)
Et zu ersehen, daß zwei der insgesamt drei
über die Geschichte von Sarnyere befragten
Informanten zur Tengo-Lineage gehören. Einer
von ihnen ist Dorfchef im Hauptort Nemgene
und gleichzeitig chef-lieu von Sarnyere (20).
Er scheint einer der bevorzugten Informanten
gewesen zu sein. Nach seinen Angaben kam
die Familie Tengo als erste Dogon-Gruppe in
Sarnyere an und gründete die älteste der von
Gallay archäologisch untersuchten historischen
Siedlungen (106). Die hier entstandene Kon
stellation „Erste Familie — chef-lieu — Infor
mant“ durchzieht als Motiv die Oral History
in Afrika und sollte gerade deshalb Anlaß zu
Bedenken geben. Autoritäten bedienen sich
gerne einer eigenen „Geschichtsschreibung“. Es
wäre zu fragen, ob hier nicht Prioritätsansprü
che einer ersten Familie eine Ideologisierung
der oralen Tradition bewirkt haben. Immerhin
sind zwei von drei Informanten Mitglieder
dieser ersten Familie. Auch wäre zu bedenken,
daß Informanten in der Regel Erfragtes immer
individuell interpretiert wiedergeben, und jede
Information deshalb durch die Aussagen meh
rerer anderer Informanten überprüft werden
müßte. Gallay selbst erwähnt, daß die Ge
schichte der Tengo-Lineage die am besten be
kannte sei. Die anderen Lineages wüßten zwar
ihre Ankunft in die allgemeine Reihenfolge der
Ortsgründungen einzuordnen, könnten sich aber
nicht mehr an die Gründer erinnern (102).
Diese Aussage spricht dafür, daß der Genealo
gie der Tengo-Lineage eine besondere Bedeu
tung beigemessen wird, und man sie deshalb
besonders pflegt. Hier sind, so meine ich, dem
durch Gallays Methodologie implizierten An
spruch auf von Subjektivismen gereinigte Fak
ten Grenzen gesetzt. Nicht nur der Forscher
bleibt bei seinem Kontakt mit dem Informan
ten permanent subjektiv, sondern auch der In
formant verhält sich seinem Wissen gegenüber
in gleicher Weise. Im Hinblick auf die Proble
matik der Feldforschung erweckt Gallays
Studie den Eindruck, als sei zu wenig hinter
fragt worden.
Es erscheint etwas einseitig, wenn Gallay
die Isolierung von Sarnyere als rezente Ent
wicklung betrachtet und mit einem Bevölke
rungsrückgang der Dogon begründet. Zwar
wird dies durch demographische Angaben be
stätigt, nach denen nur 19 der insgesamt 66
Dörfer im Raum Douentza-Hombori aus
schließlich von Dogon bewohnt werden (37).
Bei den anderen Populationen handelt es sich
um Songhai, Fulbe und Rimaibe. Auch weist
Gallay auf die Archäologie der Nokara-Höh-
len hin. Die Gemeinsamkeiten der dort gefun
denen Ware mit der historischen Keramik von
Sarnyere würden die Existenz einer alten, weit
dichteren Dogon-Bevölkerung bestätigen, wie
dies schon aus den oralen Traditionen hervor
ginge (143). Man sollte hier zu bedenken ge
ben, daß archäologische Fundgruppen allein
noch nichts über die Identität ihrer Träger aus
zusagen vermögen. Dogon-Stil verbindet sich
nicht selbstverständlich mit Dogon-Identität.
So müßte ein Archäologe der Zukunft die heu
tigen Dogon von Sarnyere als Rimaibe ein
stufen, wenn er sich ausschließlich am Stil ihrer
Keramik orientieren wollte. Auch wäre zu
überprüfen, ob nicht schon Ereignisse in histo
rischer Zeit einzelne Dogon-Gruppen in eine
Rückzugsposition gedrängt haben. Immerhin
liegen drei der historischen Siedlungen auf dem
Felsplateau des Inselberges, also in der ökolo
gisch ungünstigsten Zone von Sarnyere, Sie
wurden in historischer Zeit etwa zwischen 1735
und 1795 gegründet. Dies fällt zeitlich mit der
Ausbreitung der Fulbe im nördlichen Niger
bogen, aber auch in der Gegend von Hombori
zusammen. Ebenso gibt es Hinweise auf einen
Zusammenhang mit der Geschichte des nörd
lichen Yatenga, wo nach Auskunft der dortigen
Nyonyosi einmal Dogon gewohnt haben sollen.
Heute, im Zuge der Islamisierung und des all
gemeinen Verfalls traditioneller Wertvorstel
lungen, scheint für die Dogon kein Anlaß mehr
zu bestehen, sich in den Schutz des Massivs
von Sarnyere zu begeben. Dementsprechend
wurde vor kurzer Zeit auch das letzte be
wohnte Dorf auf dem Plateau von seinen Be
wohnern verlassen (147).
Gallays Studie bleibt mit einem Teil ihrer
Ergebnisse leider mehr an der Oberfläche. Das
liegt in erster Linie natürlich an der nur fünf
monatigen Dauer des Feldaufenthaltes, in zwei
ter Linie aber an einer durch die Methode be
dingten Enge, die dem Ethnographen wie dem