GLOBUS.
ILLUSTRIERTE ZEITSCHRIFT FÜR LÄNDER- und VÖLKERKUNDE.
VEREINIGT MIT DEN ZEITSCHRIFTEN: „DAS AUSLAND“ UND „AUS ALLEN WELTTEILEN“.
HERAUSGEBER: Dr. RICHARD ANDREE. VERLAG von FRIEDR. VIEWEG & SOHN.
Bd. LXXVI. Nr. 15. BRAUNSCHWEIG. 14. Oktober i8gg.
Nachdruck nur nach Übereinkunft mit der Verlagshandlung gestattet.
Zauber glaube bei den Huzulen*).
Von Dr. Raimund Friedrich Kaindl.
I.
Vor einigen Jahren habe ich im „Globus“ eine Arbeit
über den Zauberglauben der Ruthenen (im engeren
Sinne) oder Rusnaken veröffentlicht 1 ). Weit gröfser
als bei diesem im Flachlande wohnenden und der auf
klärenden Kultur immerhin schon zugänglicheren ruthe-
nischen Stamme ist der Glaube an Zauberei bei seinem
im Karpathengebirge wohnenden Brudervolke, den Huzu
len. Wie in anderen Beziehungen, so hat auch in dieser
einerseits der konservative Sinn des Bergbewohners alte
Sitten und Gebräuche treuer bewahrt, anderseits ist
die Phantasie des freieren Sohnes der Berge lebhafter
als diejenige des Flachlandbewohners.
1. Allgemeines.
Die Zauberei hat in der Regel ihre Grund
bedingung im Teufel; von ihm gehen alle Zauber
kräfte aus. Diese verleiht er zunächst den Hexen
(widmy) und den Vampyren (uperi), welche ihm hierfür
nach dem Tode ihre Seele lassen müssen. Zauberkundige
niederen Ranges sind die Wahrsager (woroszbyty) und
Wahrsagerinnen (woroszky), ferner die Wetterbeschwörer
(hradowy, chmarnyki), die „znachary“ (Zauberer) und
dergleichen. Diese üben ihre Künste zum Teil durch
Vermittelung der eigentlichen Hexen und Vampyre. Um
sich die unlauteren Kräfte des Teufels zu eigen zu
machen, mufs man sich demselben verschreiben.
Dies geschieht am besten auf einem Kreuzwege, wo sich
die bösen Geister nach ihrer Vertreibung aus dem
Paradiese niederliefsen. Wer mit dem Teufel einen
Handel eingehen will, der soll sich auf einen Kreuzweg
begeben und dreimal pfeifen ; dann erscheint ihm sogleich
der Böse, dem er sich mit dem Blute aus dem kleinen
Finger (mizynok) verkaufen kann. Hierfür dient ihm j
der Teufel das ganze Leben hindurch. In einzelnen
Dörfern geht bald über diesen, bald über jenen Wirt
die Rede, er stehe mit dem Teufel im Bunde. So wurde
noch vor wenigen Jahren in Seletin viel über einen ge
wissen Olexa Uhrenczuk erzählt, dafs er dem Teufel
seinen Reichtum an Herden und barem Gelde zu ver
danken habe. Selbst seine Anverwandten gaben dies ^
zu, doch machten sie sich kein Gewissen daraus, nach j
*) Herr Prof. R. F. Kaindl ist der Erste, der wissen
schaftliche Arbeiten über die Huzulen geschrieben hat und
deren Nachbarvölker (Pidhirjane und Rusnaken) im Globus
schilderte. Die vorliegende Abhandlung über den Zauber
glauben der Huzulen birgt viel neuen Stoff und ist eine
abschliefsende Arbeit. Red.
D Globus, Bd. 61, Nr. 18;
vergl. ebenda Bd. 1 1, Nr. 9.
Globus LXXVI. Nr. 15.
dem vor einigen Jahren erfolgten Tode des reichen
Sünders sich eifrig um sein „unreines“ Geld zu be
mühen. Auch huzulische Jäger pflegen oder pflegten
sich dem Teufel zu verschreiben, worüber weiter unten
in einem besonderen Abschnitte gehandelt werden wird.
Einen dienstbaren Teufel kann man sich auch
aus einem Ei ausbrüten, das eine schwarze Henne
als ihr erstes überhaupt am Feste Mariä Verkündigung
gelegt hat. Ein solches Ei (snosok) bringt dem Hause
Unglück; man darf es nicht genieisen, sondern werfe
es hinter das Haus in einen Abgrund, wo niemand hin
gelangt. Will man aber sich ein Teufelchen (antypczyk,
czortyk) aus demselben ausbrüten, so mufs man es vier
zehn Tage lang in der linken Achselhöhle tragen. Dann
schlüpft ein böser Geist hervor, der dem Menschen für
seine Seele dient, ihm Glück in der Wirtschaft und
grolsen Reichtum verschafft. Dafs man auch beim
Schätzeheben der Mitwirkung des Teufels bedarf, wird
später näher ausgeführt werden.
Andere Zauberwerke kann man auch vollführen,
ohne die Hülfe des Bösen zu beanspruchen und ohne
sich seines Seelenheiles zu begeben; nur mu£s man eben
die geeigneten Mittel anzuwenden wissen. Ihnen liegt
wohl zumeist, doch nicht immer, der Gedanke zu Grunde,
Böses abzuwenden, oder seinen Vorteil ohne die
Schädigung eines anderen herbeizuführen.
Von diesem Standpunkte konnte man auch daran
denken, kirchliche Mittel den Zauberzwecken
dienstbar zu machen. Doch mufs hervorgehoben
werden, dafs auch dieselben durchaus nicht immer zu
lauteren Zwecken verwendet werden, wie wir weiter
unten sehen werden.
Nach diesen allgemeinen Auseinandersetzungen wollen
wir nun zunächst die Vampyre näher betrachten, hierauf
die Hexen und die anderen berufsmälsigen Zauberer
und Zauberinnen behandeln, endlich den huzulischen
Zauberglauben nach den Gegenständen, den er betrifft,
schildern. Hierbei werden wir hinlänglich Gelegenheit
haben, auch die Zaubereien, die jedermann üben kann,
kennen zu lernen.
2. Vampyre, Hexen. Wahrsagerinnen, Wahr
sager und Beschwörer.
Die Vampyre (uperi) stehen dem Teufel am näch
sten. Der Glaube an dieselben ist weit verbreitet. Als
Menschen sind die Vampyre mit den allerhöchsten
Zauberkräften ausgestattet, die sie vom Teufel erhalten,
29