Miszellen der Ethnologiegeschichte
Ein Freund Deutschlands schreibt einem deutschen Emeritus
Wolfgang Marschall
Zu einem verloren geglaubten Brief des Anthropologen Franz Boas (1858-1942) an
den Prähistoriker Carl Schuchhardt (1859-1943)
Unter dem 18. Januar 1939 sandte Franz Boas, der Begründer der institutionalisierten
Anthropologie in den Vereinigten Staaten von Amerika, einen Brief an den Prähisto-
riker Carl Schuchhardt, zu jener Zeit Vorsitzender der im Jahr 1869 auf Anregung von
Rudolf Virchow (1821-1902) gegründeten Berliner Gesellschaft für Anthropologie,
Ethnologie und Urgeschichte (BGAEU). Es war ein Antwortschreiben auf eine Mittei-
lung von Schuchhardt. Boas sandte dieses Schreiben als Offenen Brief. Er vermute, so
schreibt er an Schuchhardt, dass „Sie ... nicht den Mut haben werden, diese Antwort
in Ihrer Zeitschrift abzudrucken. ..“, und so wolle er selbst dafür sorgen, dass sie den
Mitgliedern der Gesellschaft bekannt werde. Mit „Ihrer Zeitschrift“ ist die vom
Schiffsarzt und Völkerpsychologen Adolf Bastian (1826-1905) zusammen mit dem
Naturforscher und Völkerkundler Robert Hartmann (1831-1893) im Jahr 1869 ge-
gründete „Zeitschrift für Ethnologie. Organ der Berliner Gesellschaft für Anthropolo-
gie, Ethnologie und Urgeschichte“ gemeint, die im Jahrgang 1939 mit ihrem 71. Band
erschien und bis heute erscheint.
Der offene Brief von Franz Boas war bisher unpubliziert. Er fand sich bei Recher-
chen zu einem anderen Projekt im Familien-Archiv Sarasin innerhalb der Bestände des
Staatsarchivs Basel.‘ Er lautet orthographisch unverändert abgeschrieben:
Ich danke Philipp Sarasin (Zürich) für die Genehmigung, den Brief (Staatsarchiv Basel-Stadt; Sara-
sinsches Familienarchiv) zu publizieren, sowie den Mitarbeitern des Staatsarchivs für ihre Unterstüt-
zung. Für Hinweise und Kommentare danke ich Ernst Halbmayer (Marburg), Regula Heusser-Mark-
un (Zürich), Jonas Marschall (St. Louis), Dian Schefold (Bremen), Han Vermeulen (Halle), Ulfa von
den Steinen und Paola von Wyss-Giacosa (Zürich). Horst Junker (Berlin) und Jürgen Langenkämper
(Minden) haben mir in besonderer Weise geholfen (s. Fn. 12, 21—23). Staatsarchiv Basel PA 212a T2
XLIIL 9+9a.
Zeitschrift für Ethnologie 138 (2013) 85—98
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