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„Stolz“ (engl. proud) entlehnt. — In der Bedeutung „verjagen,
verweisen“ gebraucht Sighvat das von dem angelsächsischen
flieman geliehene gleichbedeutende flema von König Ethel-
reds Söhnen, die Knut aus England verbannt hatte. Ein
Zeugnis von Sighvats kosmopolitischer Bildung und von der
Leichtigkeit, mit der er sich alles Fremde aneignete ist es
auch, dafs er nach seiner Fahrt nach Västergötland einige
schwedische Wortformen gebraucht. Es gibt auch keinen
Skalden, der so wohl in der Geographie Europas bewandert
ist wie Sighvat. Nicht nur ist er wohlbekannt mit englischen
und schottischen Ortsnamen, von London und Canterbury im
Süden bis nach Fife im Norden, auch französische Ortsnamen
wie Loire, Poitou, Rouen kennt er. Rom, das Sighvat
mit eigenen Augen gesehen hatte, erwähnt er mehrere Male
und auf Mont (d, h. „Alpen“ vom lat. mons „Berg“) ist er
seines Herrn eingedenk. Selbst der Jordan kommt in einem
seiner Gedichte vor.
Noch bemerkenswerter ist es vielleicht, dafs Sighvats
Dichtungen von einer neuen Auffassung der Königsmacht
zeugen. Er bezeichnet den König mit dem dem Angel-
sächsischen entnommenen Ausdrucke harri „Herr“ oder mit
dem altfranzösischen sinnjör. — Dieses Wort kommt vom
lateinischen senior „älter“ und ist dasselbe wie französisch
seigneur, italienisch signore, und spanisch sefor. — Sighvat ist
auch der erste, der das Wort keisari „Kaiser“ bei uns ver-
wendet. Er kennt die Stellung des Papstes und weils, dafs
lieser der Nachfolger des Apostels Petrus ist. In einer Drapa
auf Knut den Mächtigen heiflst es von diesem: „Der Fürst,
der immer auf Krieg sann, bekam Lust mit dem Pilgerstab
in der Hand zu wallen, er, der vom Kaiser geliebt und dem
Papste eng verbunden war.“ In diesem Vers ist es nicht nur
das Wort „Kaiser“, das wir beachten müssen, und das Wort
„Stab“, das hier zum ersten Male in der Bedeutung „Pilgerstab“
yebraucht wird. „Dem Papste eng verbunden“ drückt Sighvat
aus durch „Aluss Petrusi.“ — Hier ist Petrusi Dativ der
lateinischen Namensform Petrus. Aber kluss ist auch lateinisch;
es ist die norwegisch gefärbte Form des Wortes clusus eigent-
lich „geschlossen, nahe umschlossen“ ; dasselbe Wort haben wir
im englischen close, das auch „nahe, vertraulich“ bedeuten kann,