Volltext: Zeitschrift für Ethnologie der Deutschen Gesellschaft für Völkerkunde und der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte, 115.1990

    
    
Zeitschrift für Ethnologie 115 (1990) 
ethnologischen Standardmunition gegen die Leitwissenschaft Philosophie gehören. Von hier 
geht es im Sprung zum „Klassen-Rassismus“ Herbert Spencers, dem als positiver Kontrast der 
mehr ethnologische Evolutionismus E. B. Tylors gegenübergestellt wird. Der ideologiekriti- 
sche Tour d’horizon schließt mit Darwin, dem — einer der vielen Details, die Henns Arbeit zu- 
sätzlich lesenswert machen — Karl Marx die englische Ausgabe des Kapitals widmen wollte. Da- 
mit sind auch die Gründerváter des Sozialismus dem Verdacht eines zumindest ,latenten Rassis- 
mus“ ausgesetzt und die Vertreter des Jahrhunderts, das den Menschen statt von Gott vom Af- 
fen abstammen lief}, finden sich fast vollzáhlig auf der Anklagebank wieder. 
Gibt es einen Chronozentrismus, dem die Ethnologie (oder die Geschichtswissenschaft) 
ebenso aufklárend entgegenzutreten hátte wie dem Ethnozentrismus? Was die Darwinisten mit 
ungeheuerlichem Wissenschaftsaufwand verkündeten, war doch wenig mehr, als was jeder 
Stammesgenosse schon immer wußte, dafs jenseits der eigenen Grenzen die Minderwertigen 
wohnen. Welcher heutige Ethnologe móchte sich zum Verdienst anrechnen, daft die Erschütte- 
rungen des 20. Jahrhunderts die anderskulturelle Entwicklungen vorsichtiger zu beurteilen zu- 
mindest für die kleine Minderheit moderner Kulturrelativisten Anlaß gaben?! Denn Feldfor- 
scherfleif kann es nicht sein, was vor Rassismus schützt, wie das Tagebuch Malinowskis zeigte. 
Und Leute wie Schweinfurth oder Burckhardt — um nur am Nil zu bleiben — scheuten ganz ge- 
wif keine Entbehrung auf dem Weg zur richtigen Erkenntnis. Dieses Ziel ihnen aber abspre- 
chen wollen, hieffe, den Ethnozentrismus mit Chronozentrismus zu bekämpfen. 
Wenn solche wesentlichen Fragen eines Respekts nicht nur vor der anderen Kultur, sondern 
auch vor der anderen Zeit induziert werden, hat sich Alexander Henns grofie und von der Uni- 
versität Mainz mit einem Preis ausgezeichnete Arbeit als ethnologische Vorurteilsforschung ge- 
lohnt. Daß bei einer derartigen Quellenfülle falsche Akzentuierungen, Unterlassungen und 
Pauschalisierungen nicht vermieden werden können, mindert den Wert der in einer klaren Spra- 
che abgefaßten Betrachtung wenig. Als einem, der mit der Nil-Materie nicht ganz unvertraut ist, 
würde es mir aber schwer fallen, einen ganz gravierenden Irrtum ungenannt zu lassen: Cailliaud 
ist mit seinen *ungereimten" Farbklassifizierungen sudanesischer Menschen keiner ,künstleri- 
scher Vorlage* gefolgt, sondern hat die sudanarabischen Hautfarbbezeichnungen wiedergege- 
ben, nach denen eben Hellháutige rot und gelb, Braune grün und Schwarze blau genannt werden 
(vgl. Reichmuth 1981). Auch vor fremden Sprachen und solchen, die sie erlernen, gibt es einen 
ethnologischen Respekt. 
Bernhard Streck 
Kópke, W.: Europa der Vólker — Einheit in der Vielfalt. Streifzug durch Europa in histori- 
schen Fotos von 1875-1975. Unter Mitarbeit von Rose Haferkamp und Ingrid Kuschick. 71 Sei- 
ten, Fotografien und Zeichnungen im Text, 1 Karte der EG, 1 Faltkarte Die Vólker Europas. 
Berlin: Staatliche Museen Preußischer Kulturbesitz SMPK, 2., verbesserte Auflage 1991. 
Als Begleitpublikation zu der gleichnamigen Wanderausstellung bietet dieser schmale, aber 
inhaltsreiche Band einen ersten Einstieg für ein bisher stark vernachlássigtes Kapitel europii- 
scher Volks- und Völkerkunde — die Vorstellung großer und kleiner Volker im gemeinsamen 
„Haus Europa“ zur Dokumentation der vielfältigen Angleichungsprozesse und charakteristi- 
scher Unterschiede. 
Übersichten dieser Art wurden in größerem Umfang zuletzt in den 20er und 30er Jahren ge- 
wagt. Sie verbinden sich mit den Namen Michael und Arthur Haberlandt, Hoffmann-Krayer, 
Georg Buschan, Richard Karutz, Hugo Bernatzik, Richard Wolfram, um nur einige zu nennen. 
 
        

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