Wörter, Frauen und Familien.
Über einige Probleme bei der Rekonstruktion des traditionellen
samoanischen Gesellschaftssystems*
Von Thomas Bargatzky
Wer sich der Aufgabe unterzieht, eine Rekonstruktion des traditio
nellen westsamoanischen Gesellschaftssystems zu verfassen 1 , sieht sich
mit mindestens drei Problemkreisen konfrontiert, die in der bisherigen
ethnographischen Literatur über Samoa kaum oder überhaupt nicht
beachtet werden. Es handelt sich dabei um:
1. Das Problem der kultureigenen (emischen) Gruppentermini bei
ihrer Verwendung als (etische) Beobachterkategorien,
2. Das Problem des „noble view“ und des „common view“ in der
Perspektive des Ethnographen,
3. Das Problem des durch die ethnologische Terminologie geprägten
Vorverständnisses vom samoanischen Gesellschaftssystem.
Die mangelhafte Beachtung dieser Probleme kann zur Folge haben,
daß die samoanische Gesellschaft auf eine Weise dargestellt wird, die
eher herkömmlichen ethnologischen Denktraditionen entspricht und
* Eine verkürzte Fassung wurde am 13. Oktober 1983 anläßlich der Tagung
der Deutschen Gesellschaft für Völkerkunde am Ethnologischen Seminar der
Universität Basel vorgetragen.
1 „Traditionell“ bezieht sich hier auf jene Gegebenheiten, die nicht durch
die seit 1962 bestehende Infrastruktur des Unabhängigen Staates Westsamoa
bedingt werden. Solch eine Trennung zwischen „traditionellen“ und „nicht
traditionellen“ Gegebenheiten ist allerdings oft nur schwer zu vollziehen.
Dies zeigt sich etwa am Beispiel des Straßenbaus, einer Unternehmung des
Staates. Der Straßenbau erleichtert die Kommunikation zwischen den Dör
fern, sowie den Dörfern und der Hauptstadt Apia. Dadurch wird das tradi
tionelle Gesellschaftssystem zwar einerseits verändert, andererseits kann es
sich verstärkt entfalten. *
Anmerkung des Herausgebers: Die Verfasser der Aufsätze, der Buchbespre
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vorgebrachten Auffassungen.
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