Volltext: Anthropos, 92.1997,1/3

Anthropos 92.1997 
Rezensionen 
Abramson, Paul R., and Steven D. Pinkerton 
(eds.): Sexual Nature, Sexual Culture. Chicago: The 
University of Chicago Press, 1995. 416 pp. ISBN 0-226- 
00182-2. Price: $22.95 
Obschon der Titel des Buches zu suggerieren scheint, 
daß wieder einmal die Natur/Kultur-Kontroverse in der 
Absicht geführt wird, den Menschen in seine Natur/ 
Kultur-Komponenten aufzuspalten, tun sich der Leserin 
dann doch neue Horizonte auf: denn hier wird endlich 
einmal nicht mehr nur über Sexualität im Hinblick auf 
Reproduktion debattiert, sondern das zentrale Element 
der Lust und des Vergnügens in die wissenschaftliche 
Diskussion eingeführt. 
Nach der Kairoer Bevölkerungs-Konferenz von 1994 
Wurde von den damaligen Teilnehmerinnen als großer 
Erfolg gewertet, daß nicht alleine Familienplanung und 
Bevölkerungswachstum mit den entsprechenden Proble 
men Teil der Politik würde, vielmehr das umfassendere 
Thema der sogenannten “reproduktiven Gesundheit”. 
Fokussiert wurde damit vorwiegend auf Sexualität und 
ihre mögliche Folge der Schwangerschaft, wobei der 
nicht zu unterschätzende Anteil an nicht-reproduktiver 
Sexualität vollständig unter den Tisch fiel. Eigenarti 
gerweise wurde diese auch nicht im Zusammenhang 
mit HIV/AIDS weiter diskutiert - in einer Diskussion 
also, die sehr viel weiter entfernt ist von religiös und 
politisch einflußreichen Gruppen wie dem Vatikan oder 
islamischen Fundamentalisten. 
Bereits 1993 wurde von der “Wenner-Gren-Founda- 
tion for Anthropological Research” eine kleine multidis 
ziplinäre Tagung in Portugal gefördert mit dem Thema 
“Theorizing Sexuality: Evolution, Culture, and Develop 
ment”. Dreiundzwanzig Wissenschaftlerlnnen aus den 
Sozialwissenschaften und den verschiedenen Feldern der 
biologischen Wissenschaften nahmen daran teil, nämlich 
neun Anthropologen, vier Soziologen, zwei Primatolo 
gen, ein Philosoph, ein Historiker, ein Genetiker, ein 
Endokrinologe, drei Psychologen und ein “operations 
researcher”, womit tatsächlich eine große Bandbreite ver 
schiedener Zugangsmöglichkeiten zum Thema geschaf 
fen wurde. Die Beiträge zur Tagung, die nach dreißig 
Jahren in den USA der erste Versuch gewesen war, ethno-/ 
anthropologische Perspektiven zur Sexualität mit denen 
anderer Wissenschaften in Berührung zu bringen, wur 
den im hier zu besprechenden Buch zusammengefaßt. 
Gleich zu Beginn wird festgestellt, daß insbesondere 
in der Ethnologie Sexualität den Status eines illegitimen 
Kindes habe im Rahmen der doch sehr weit verbreite 
ten Themen wie Heirat, Reproduktion oder Verwandt 
schaftsbeziehungen. Zurückgeführt wurde dies insbe 
sondere von Donald Tuzin auf Machtverhältnisse in der 
Wissenschaft selbst - in der sich bislang keiner unge 
straft mit Sexualität beschäftigen konnte -, aber, und 
meines Erachtens damit ursächlich zusammenhängend, 
auch auf die unser Denken durchziehende Dualität des 
Körper/Seele-Postulats, das ja nun seinerseits genau 
diese Natur/Kultur-Dichotomie abbildet. Insbesondere 
Sexualität - so Tuzin - zeige das Zusammenspiel von 
Kultur und Biologie und damit die falsch gesetzte Op 
position zwischen beiden, so daß hier nun die gute Mög 
lichkeit bestünde, einen weiteren konzeptuellen Schritt 
zu tun, der bisher ausgeklammert wurde, nämlich: von 
der Erfahrung selbst auszugehen. 
Obgleich bis zu diesem Punkt sicher die meisten 
Wissenschaftler der unterschiedlichen Disziplinen, die 
sich mit Sexualität beschäftigen, ohne große Proble 
me mitgehen, konnte doch weder während der Tagung 
noch bei der Entstehung der Veröffentlichung ein ge 
meinsamer Konsens gefunden werden - bis auf den 
vielleicht, daß sich kein Konsens finden ließ und die 
Debatte deshalb dringend weitergeführt werden müs 
se, was u.U. auch weiterhin erfolglos bliebe. Nach 
Auffassung der Initiatoren Abramson und Herdt be 
stand der Erfolg dieser Konferenz darin, daß einer 
seits unterschiedlichste Wissenschaften miteinander ins 
Gespräch kamen und andererseits bis dato meist un- 
hinterfragte Kategorien diskutiert wurden. Darüber hin 
aus und als durchgehendes Thema wurde in fast allen 
Beiträgen, ob von Verhaltensforschern oder Ethnolo 
gen, auf das inhärente Vergnügen (“pleasure”) abge 
hoben, um eine neue und gemeinschaftliche Basis zu 
schaffen. 
Und genau diese Bemühungen und unterschiedlichen 
Ansätze spiegeln sich auch im Buch wider, das sehr 
vielgestaltig ist. Als Ethnologin macht es z.T. Mühe, es 
durchzuarbeiten - denn es ist echte Arbeit, sich z. B. 
den Beitrag von Angela Pattatucci und Dean Hamer 
über “The Genetics of Sexual Orientation: From Fruit 
Flies to Humans” anzueignen, jedoch auch den des auf 
Indien konzentrierten von Lawrence Cohen über “The 
Pleasures of Castration: The Postoperative Status of Hij- 
ras, Jankhas, and Academics”. Andererseits bringen sie 
und andere auch neue und interessante Einsichten wie 
z. B., daß das Element der Lust und Freude nicht nur ein
	        
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